Wilder Perspektivenwechsel

Wilder Perspektivenwechsel

Sendak, Jonze, Eggers – Where the Wild Things Are

Von Constantin Lieb


„Das Buch zum Film“ ist wohl eine der seltsamsten literarischen Erscheinungen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Auf den Umschlägen mit einem großen, rot umrandeten Aufkleber gekennzeichnet, liegt es in den Schaufensterauslagen expansionsfreudiger Buchhandelsketten gerne weit vorne und wird in der Literaturwissenschaft doch großzügig umgangen. Gleichzeitig erweist es sich scheinbar als notwendiger Nebenverdienst einiger Autoren, als Mittel der Gegenfinanzierung, ein unter Pseudonym erscheinender kreativer Finanzausgleich.

Dass es sich oftmals um Hollywood Blockbuster handelt, auf deren Plots diese literarischen Irrtümer basieren, ist dabei durchaus amüsant (siehe hier oder hier ) und kann höchstens dadurch überboten werden, dass selbst Computerspiele von diesem Phänomen nicht unberührt bleiben: Doom – Knee-Deep In The Dead (In Anbetracht dieses Titels bleibt zu überlegen, ob man dem Ganzen nicht doch eine eigene poetische Dimension zugestehen kann). Es liegt also nahe, hier den produktgewordenen Inbegriff einer auf Mehrfachverwertung und Gewinn ausgerichteten Kulturindustrie zu sehen; Schund, Triviales, Literatur mit Baukastenprinzip.

Wenn es allerdings um die literarische Adaption eines Films geht, dessen Geschichte selbst wiederum auf einem anderen Buch basiert, wird die Sache in gewisser Hinsicht interessant, vor allem in diesem Fall.

Where the Wild Things Are - Vom Kinderbuch zum Film


Der Regisseur Spike Jonze ist einem größeren Publikum durch seine kongeniale Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Charlie Kaufman bekannt geworden und hat sich schon mehrfach um eine Verfilmung von Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker WHERE THE WILD THINGS ARE von 1963 bemüht. Ein Buch, das durch Sendaks Illustrationen noch immer eine unbändige Ausdruckskraft entwickelt und sich doch allen gängigen Kinderbuch-Klischees verweigert. Die Welt, in die sich der junge Max eines Abends für nur wenige Minuten hineinträumt, ist düster und geheimnisvoll zugleich; ein Abenteuer, phantastisch in seiner Darstellung, tiefgründig in seinem Subtext. Sendak benötigt nur wenige Seiten und vor allem kaum Text, um die Geschichte dieses Jungen, der von seiner Mutter ohne Essen in sein Zimmer geschickt und von dort aus zum König der wild things wird, zu erzählen. Kein lustiges Abenteuer mit sprechenden Tieren wird dargestellt, sondern die Traumphantasie eines Kindes, das zwischen Spaß und Freizeit tief sitzende Einschnitte, Ängste durchlebt.

„Let the wild rumpus begin“ schreit Max, kurz nachdem er die Wilden bändigen konnte. Indem er sie ohne zu blinzeln anstarrte – so lange, bis sie den Wildesten in ihm erkennen konnten – hat er sich ihnen gegenüber behauptet, hat sich als Autorität erfahren. Er ist es, der fortan das wilde Treiben bestimmt und nun auch die Last der Verantwortung kennen lernt. Es ist in diesem Sinne ein Initiationsmoment, der in Max’ bändigenden Blick nach außen gekehrt wird. Man könnte auch eine gewisse Dialektik des Erwachsenwerdens darin ausmachen, indem neue Aufgaben und Fortschritte ebenso Schwierigkeiten und Konsequenzen, eine Veränderung des eigenen Selbstbildes nach sich ziehen. Ein Kinderbuch, das soviel mehr ist, als ein bebilderter Reim.

Ein wilder Blick ist es dann auch, den wir in Jonzes Film mehrfach erleben. Als Motiv, das unterschiedliche Perspektiven mehrerer Protagonisten verbindet, ist er stets gegenwärtig. Ein Blick als Triebfeder der Geschichte, als verdichteter Moment des emotionalen Empfindens der Figuren.
Polternd und dröhnend jagt Max (dargestellt von Max Records) in seinem Wolfskostüm durch das Elternhaus. Ein Hund springt voraus, flüchtet, bis Max zupackt, mit ihm ringt und waghalsig durch die Zimmer rollt. In seinen Augen eine Mischung aus rohem Spaß, Verbissenheit und kindlichem Übermut. Schnell ist klar, dass dieser Junge Aufmerksamkeit benötigt. Seine pubertierende Schwester (Pepita Emmerichs) will ihn nicht bei sich haben, wenn ihre Freunde kommen. In ihren Augen begegnen wir einem Blick, der sich zunächst als Ungeduld und dann – nachdem Max eine Schneeballschlacht mit ihren Freunden erzwang – als Verachtung und Missachtung gibt. Hier changiert der Film leichtfüßig zwischen Spiel und Ernst, denn auch bei Max liegt alles nah bei einander: Freude und Wut, Lachen und Tränen, Hoffnung und Enttäuschung. Als abends nicht einmal seine Mutter (sichtlich überarbeitet und glaubhaft unzufrieden verkörpert von Catherine Keener) Max’ Wolfs-Spiel mitmachen möchte, wird aus ihm ein trotziger Junge. Dabei verbirgt der wilde Blick in den Augen seiner Mutter wiederum eine ganz eigene Geschichte: eine getrennte Ehe, ein neuer Mann, Rückschläge im Beruf, die unliebsame Erkenntnis, dass eigene Träume nur Zeit stehlen und natürlich Geldsorgen. Indem Max weg läuft, nimmt er all diese Probleme mit, er trägt sie in sich und projiziert sie hinein in sein phantasiertes Reich der wild things. Die Flucht vor den Anderen wird zur Flucht vor sich selbst.

„Der adaptierte Film muss mir beweisen können, dass er einen Mehrwert an Erkenntnis zur Literatur hinzufügen kann.“
(Ulrich Peltzer im cine-fils Interview)

Spike Jonze und sein Co-Autor Dave Eggers haben - zusammen mit Maurice Sendak - die Geschichte von Max ganz offensichtlich erweitert. Sie haben den wild things Namen und Geschlechter gegeben, haben das Reich der Wilden als Mixtur aus Insel, Wildnis und Wüste kreiert. Die Beziehung zwischen Max und seinen neuen Bekannten ist auf mehrere Ebenen ausgedehnt und die gesamte Welt der Wilden in einer weiteren Ebene gedoppelt, in einem Miniatur-Nachbau von Carol, einem der wild things. Nun lassen sich aber all diese Aspekte auf die Parallelisierung zwischen der Phantasie des Jungen im Wolfskostüm und seiner Welt jenseits der Insel herunterbrechen: die Charaktere aus Max’ Leben scheinen in den unterschiedlichen Wilden aufzutauchen, die Handlungen auf der Insel den Handlungen in der filmischen Realität zu entsprechen und selbst die Flucht auf die Phantasieinsel wird parallelisiert, indem Max seinen Kopf durch ein Loch in einer Tischplatte steckt und so direkt in der Miniatur-Darstellung der Insel sein kann, die ebenfalls als „bessere Welt ohne Probleme und ohne Leere“ gedacht war. All diese Elemente gehen im Originalbuch darauf zurück, dass Max dort sowohl von seiner Mutter, als auch von den wild things als „Wilder“ bzw. „Wildester“ bezeichnet wird und auf der Insel in gleicher Weise agiert, wie es seine Mutter zuvor ihm gegenüber getan hat. Die Parallelisierung wurde also lediglich vervielfacht.
Was aber haben Sendak, Jonze und Eggers Neues dazu gegeben, was nicht schon vom Originalbuch getragen wurde?

Neben einer Radikalisierung der düsteren Stimmung und einer Verlagerung der bei Sendak implizit dargestellten Probleme auf eine offensichtlichere Ebene, ist es zum Einen das Treiben auf der Insel, durch das der Film ein neues Feld erschließt. Max begegnet unsicheren, melancholischen Wesen, die - durch eine große Leere gequält – keinen Spaß und keine Hoffnung empfinden. Es gibt für sie nicht Dauerhaftes: ihre Häuser zerstören sie regelmäßig selbst, ihre Gemeinschaft ist mehr ein loses Bündel als eine feste Gesellschaft und weder für das Essen, noch für die Zukunft ist vorgesorgt. EIn Plan hat nur so lange Gültigkeit, bis der kleinste Zweifel daran wieder alles in Frage stellt. Indem die wild things Max zu ihrem König machen, erwarten sie, dass er Antworten auf all ihre Probleme hat. Diese bringen somit jene Fragen zum Vorschein, mit denen Max bereits versteckt konfrontiert war. Wie lässt sich Einsamkeit überwinden? Wozu gibt es Sorgen, Schuld und Neid? Wie unterscheidet man eine richtige von einer falschen Entscheidung? Das Motiv des Königs zeigt, dass Max bei diesen Fragen im Mittelpunkt steht. Es sind seine eigenen Fragen, mit denen er zu kämpfen hat und die ihn durch die Verkörperung der wild things zum Überlegen zwingen. Er muss plötzlich Verantwortung übernehmen, Unsicherheiten bewältigen und auch ein Scheitern seiner Ideen erfahren. Er lernt, dass er nicht alle Probleme lösen kann, aber dennoch damit umgehen muss. Als er die Insel verlässt, um zu seiner Familie zurückzukehren, realisiert Max, dass er die Welt der Wilden nicht unbedingt besser gemacht hat, aber auf seinem eigenen Weg der Selbstentwicklung einen großen Schritt vorangekommen ist. Es ist in jedem Fall ein veränderter Junge, der in das Boot steigt und nach Hause segelt.

Dass diese Veränderung keine grundsätzliche ist sondern ein erst begonnener Prozess, wird am Ende klar, wenn Max in die Augen seiner Mutter sieht. Der Blick ist jetzt unbestimmbar geworden, hinter der versöhnlichen Oberfläche funkt noch immer das Wilde auf und trotzdem ist da Vertrautheit, Verständnis für den Anderen, Liebe. Dieser Blick flüstert eine große und gleichsam erschreckende These: Um Veränderung herbeizuführen benötigt es mehr, als wegzulaufen. Max’ Flucht vor sich selbst hat die Erkenntnis hervorgebracht, dass eine solche Flucht unmöglich ist. Jedes Miteinander-sein, ob menschlich oder wild, verlangt Vertrauen und Willensstärke, vorausschauendes Handeln und Reflexion, ebenso wie Eingeständnisse und gegenseitiges Verständnis. Die Geschichte vom kleinen Max, der sich in eine Phantasiewelt träumt, wird damit gleichfalls zu einer Parabel auf gesellschaftliche und wenn man will auch politische Strukturen.

There`s one in all of us


Schriftsteller und Publizist Dave Eggers, der zusammen mit seiner Frau auch das Drehbuch zu Sam Mendes’ Heimatsuche AWAY WE GO (2009) verfasste, hat sich an eine Romanversion der Geschichte gewagt. Auf Basis ihrer Filmideen und auf Anregen Maurice Sendaks persönlich, erschien ebenfalls 2009 THE WILD THINGS. (McSweeney`s Publishing).

In kurzen sehr präzisen Szenen führt er den Leser kontinuierlich tiefer in die Welt der Wilden. Offensichtlich orientierte sich Eggers dabei an den filmischen Ideen, weshalb das Buch wohl auch unter der Kategorie „Buch zum Film“ vertrieben wird. Interessant bei dieser zweiten Adaption ist der erneute Perspektivenwechsel. Konnte man sich bei Jonzes „realistisch“ inszenierten Film auch gänzlich von den Bildern in den Bann ziehen lassen, eine gelungene Verschmelzung zwischen dokumentarisch anmutender Kameraarbeit und Computeranimierten Effekten bewundern, funktioniert hier alles etwas anders. Eggers bedient sich vollends an den, von Produktionsängsten befreiten, Möglichkeiten der Literatur. Er kann seine wild things noch höher springen und noch weiter werfen lassen. Max anfänglicher Übermut ist in zusätzlichen Episoden gesteigert dargestellt. Vor allem aber – und das ist das Neue an der Romanfassung – wird der Leser eng vertraut mit einer kindlichen Psyche. Er lernt, Max’ eigener Logik zu folgen und die damit einhergehenden Probleme nicht nur als Lappalien anzuerkennen. Eggers überträgt den wilden Blick also auf den Leser zurück, indem dieser durch die Augen von Max blickt. Im besten Falle blickt er damit durch die Augen seiner eigenen Kindheit.

Eine erwachsene Angst


Bereits bei der Erscheinung von Sendaks Buch wurde viel diskutiert und Aufsehen hat dann auch die Verfilmung und dessen Romanadaption erregt. Mehrfach wurde das Projekt verschoben, abgebrochen und am Ende – als der Film nicht den Vorstellungen des Studios gleich kam –beinahe nicht frei gegeben. Auch die Rezensenten von Eggers Roman sind enttäuscht, begeistert und unsicher zugleich (siehe hier, hier  oder hier)

Das alles macht deutlich, dass Kinderbücher und Kinderbuchverfilmungen immer mit einem großen Problem zu kämpfen haben. Es entscheiden Erwachsene über etwas, das in erster Linie Kindern zu Gute kommen soll. Hier kollidieren die Vorstellungen davon, wie es war ein Kind zu sein mit einem jahrelang angesammelten Wissen und die Erfahrung, was womöglich am Besten für das eigene Kind wäre. Meist gipfelt diese Kollision in eine romantisierte, man könnte auch sagen konservative Vorliebe des Originals. Veränderungen wird misstraut.

In dem speziellen Fall von WHERE THE WILD THINGS ARE ist das besonders schade, denn hier ist diese einzigartige Geschichte nicht einfach ideenlos in ein anderes Medium transportiert worden. Ein wahrerer Perspektivenwechsel wurde vollzogen, so entschlossen, dass sich der Film schließlich auch an Erwachsene richtet und nicht nur an Kinder.Das Beruhigende bei der ganzen Debatte um Kinderbuchverfilmungen etc. ist, dass letzten Endes Kinder Veränderungen doch offener gegenüber stehen als Erwachsene, die sich vermutlich schon an rotumrandeten Aufkleber auf Buchdeckeln stören.


Verwendete Literatur:

- Dave Eggers: The Wild Things. There’s one in all of us, San Francisco 2009.

- Maurice Sendak: Where the Wild Things Are, New York, 1963.

Filmquellen:


- Spike Jonze, Where the Wild Things Are, 101 min., 2009.

- Sam Mendes, Away We Go, 98 min., 2009.


Weiterführende Links:


- Kurzbericht über den Versuch einer animierten Version des Kinderbuches von Disney (1983)

- Eine Stop-Motion Version aus Knetmasse

- Dreier-Interview mit Sendak, Jonze und Eggers

- Interviews mit Spike Jonze: Firstshowing, Viceland


- Statement von Dave Eggers

- Artikel über Dave Eggers und The Wild Things in The Sunday Times

- Interessante Tribute-Seite für alle an dem Film beteiligten: W.L.Y.S.