Geschichten sind keine Stoffe

Geschichten sind keine Stoffe

„Machen Sie doch erstmal ein Buch draus“

von Georg Malcovati


Schon immer hat der Film sich ausgiebig bei der Literatur bedient. Viele der einfluss- und erfolgsreichsten Regisseure des vergangenen und aktuellen Jahrhunderts verdanken mindestens einen ihrer wichtigsten Filme einer Romanvorlage: Coppola mit seiner Patentrilogie (1972, 1974, 1990, nach den gleichnamigen Romanen von Mario Puzo, 1969), Spielberg mit SCHINDLER’S LIST (1993, nach „Schindler’s Ark“ von Thomas Keneally, 1982), Kubrick mit fast all seinen Filmen. Die Liste könnte man noch lange fortsetzen. Aber man kann diesen Regisseuren unterstellen (und die Resultate, sprich die Filme, beweisen es eindrucksvoll), dass sie in diesen Büchern eine Geschichte lasen, die sie in ihrem Medium neu erzählen wollten. Sie fanden für und mit Hilfe dieser Vorlagen Bilder, die sich tief ins kollektive, ikonographische Gedächtnis eingegraben haben (das Mädchen mit dem roten Mantel, die Blutfontäne aus dem Fahrstuhl, der Todeskuss den Michael seinem Bruder Fredo aufdrückt). Es waren bei weitem nicht immer Bestseller die sie verfilmten und die Filme warben auch nicht offensiv mit ihrer literarischen Vorlage. Wer kennt (außerhalb bestimmter Kreise) den Namen Gustav Hasford und sein inzwischen schon lange vergriffenes Buch "The Short Timers"? Die Vorlage für FULL METAL JACKET (1987).

Wenn man sich die Liste der (ökonomisch) erfolgreichsten Kinoproduktionen der letzten Jahre ansieht, so findet man auch hier eine auffallend große Anzahl an Adaptionen: LORD OF THE RINGS (2001 - 2003), HARRY POTTER (2001 - 2009), TWILIGHT (2008 - 2010) oder SHREK (2001 - 2007). Aber auch im deutschsprachigen Raum ist diese Entwicklung seit Jahren zu beobachten. Sei es im Fernsehen (die enorme Anzahl an Rosamunde Pilcher Verfilmungen) oder im Kino (MARIA IHM SCHMECKTS NICHT, 2009 oder VOLLIDIOT, 2007). Bis auf Peter Jackson verbindet man diese Verfilmungen jedoch nicht mehr mit einem Regisseur (die in der Tat bei fast jedem Teil, Fußballtrainern gleich, ausgetauscht werden) und daher nicht mit einer kinematographischen Idee oder Handschrift, sondern man misst sie an der jeweiligen Vorlage. Es kommt einem ein bisschen so vor, als hätten diese Romane sich von selbst verfilmt und in gewisser Weise ist das auch der Fall. Ihre Verkaufszahlen bedingen ihre Verfilmung und nicht das Interesse oder die Vision eines Filmemachers, diese Bücher in sein Medium zu übertragen. Während es im Vorfeld der LORD OF THE RINGS Filme noch große Diskussionen darüber gab, ob sich diese Romane überhaupt verfilmen lassen, so war es bei HARRY POTTER oder TWILIGHT nur eine Frage des Wann und Wo und vor allem mit Wem. Niemals des ob. Natürlich gibt es Fandiskussionen über bestimmte Entscheidungen (welche Figuren wurden weggelassen, welche Handlungsstränge gekürzt, mit wem wurde wer besetzt), aber das Messen der eigenen, individuellen Vorstellungen an den Bildern des Films gehört inzwischen dazu und macht einen nicht unerheblichen Reiz der Übertragung aus. Und meistens gewinnt der Film. Oder hat heute irgendjemand ein Bild von Harry Potter, das nicht wenigstens an das Äußere von Daniel Radcliff angelehnt ist? Liest jemand noch Twilight, ohne an Robert Patterson zu denken? Ist das Kino also inzwischen vor allem der Ort, an dem allgemeingültige Bilder für erfolgreiche Geschichten produziert werden? Ist der Film nur noch dazu da, Harry Potter ein Gesicht und Hogwarts einen Speisesaal zu geben, auf die wir uns einigen können?

Auf der anderen Seite hat der Film auch unweigerlich stark auf die Literatur abgefärbt. Harry Potter und die Twilight Saga folgen einer sehr geradlinigen Dramaturgie und sind sehr bilderreich, was nicht nur ihrem Genre anzurechnen ist. Ihre Helden durchlaufen die Stationen ihrer Reise nach einem Muster, wie wir es (heutzutage) vor allem aus dem Kino kennen. Die Kämpfe, die sie bestehen müssen, sind auch immer (wenn nicht nur) äußerlich und daher bilderreich. Eine Verfilmung (was eben aus den oben genannten Gründen mit einer reinen Bebilderung gleichzusetzen ist) bietet sich insofern natürlich geradezu an.

Aber was bedeutet das für die „Produktion“ von Geschichten? Inzwischen besteht ein Anspruch an Geschichten, sich in jedem Medium behaupten zu können beziehungsweise, zu „funktionieren“. Funktionieren heißt, ökonomisch erfolgreich zu sein, also eine größtmögliche Zahl an Leser und Zuschauern zu gewinnen. Es ist zu einem Tabu geworden, dass eine Geschichte auch durch das Medium bestimmt und geformt wird, für das sie gedacht wurde, beziehungsweise diesem Medium so verpflichtet ist, dass sie selbiges nicht verlassen sollte. Drehbuchautoren lassen sich in ihren Verträgen zusichern, aus dem „Stoff“ auch noch ein Buch, ein Theaterstück oder Hörspiel machen zu dürfen. Schon allein die Tatsache, dass man inzwischen nur noch von Stoffen und nicht mehr von Geschichten redet, zeugt von dieser Einstellung. Ein (Stück) Stoff gibt noch keinen eindeutigen Verwendungszweck preis. Man kann aus ihm eine Jacke oder einen Beutel machen. Es schwingt ein beruhigender technischer Unterton in dieser Bezeichnung. Wenn man nur die richtigen Schnitte ansetzt, die Worte quasi einfach nur unwesentlich anders setzt und formatiert, dann lässt sich der Stoff zu jedem gewollten Produkt umformen. Die Filmindustrie versucht daher, die ökonomische „Verantwortung“ eines Stoffes erst einmal an den Literaturbetrieb abzugeben. Oft wird Autoren geraten, aus ihren Drehbüchern erst einmal einen Roman zu machen (oder zu schneidern). Wenn das Buch veröffentlicht wird und sich dann auch noch entsprechend verkauft, ist ihnen eine Verfilmung des Romans (oder wenigstens ein Optionsvertrag) so gut wie sicher. Aus einem Drehbuch wird ein Roman, um dann wieder zum Drehbuch zu werden. Im besten Fall wird aus dem wieder hergestellten Drehbuch ein Film. Dass sich der Roman dann besonders „filmisch“ liest, ist daher kein Wunder. Der Film und die Literatur leben also gerade in einer Art bigamistischen Vereinigung mit ihren Geschichten. Diese sind mit beiden verheiratet, ohne dass wirklich klar ist, wohin diese eigentlich gehörten (um eventuelle Unterhaltszahlungen müssen wir uns wenigstens keine Sorgen machen, da selbige von vornherein vertraglich geregelt sind). Das führt zu leichten Identitätskrisen, die beide auf ihre Art zu überwinden suchen. Der Film flüchtet sich in technische Spielereien und versucht, eine dritte Dimension zu erobern (aber ohne selbige, zumindest bist jetzt, als narratives Mittel zu nutzen). Der Literaturbetrieb hingegen feiert Bücher, die auf eine „klassische“ (und damit verfilmbare) Dramaturgie, im weitesten Sinne verzichten und ihre Sprache wie ein Schutzschild gegen jedes andere Medium in den Vordergrund stellen. Zu nennen wären hier als prominenteste Bespiele vielleicht Roberto Bolaño, Georg Klein, David Forster Wallace.

Dabei wäre es vielleicht einfach nur an der Zeit, nicht mehr aus jedem Bestseller sofort einen Film zu machen und keine Romane mehr zu verfassen, die sich wie umformatierte Drehbücher lesen. Dann müsste sich der Film nicht mehr grundlos in neue Dimensionen flüchten und die Literatur könnte ihren Unterhaltungswert steigern, ohne Angst zu haben, ihre literarische Identität aufzugeben.