Gefühle lesen, Gefühle sehen

Gefühle lesen, Gefühle sehen

Eine E-Mail Korrespondenz mit Thomas Klupp



From: Cine-Fils Interview Magazine
To: Thomas Klupp
Subject: cine-fils. com
Date: Sat, 24 Jul 2010 23:07:57


Lieber Thomas Klupp,

es freut uns, dass dir die Idee einer E-Mail Korrespondenz gefällt. Das Medium hat doch den großen Vorteil, dass man sich genau dann dafür Zeit nehmen kann, wenn es einem wirklich passt und man nicht gezwungen ist, zwischen Tür und Angel noch ein Interview abzuhandeln.

Mit der kommenden Spezial Ausgabe von cine-fils wollen wir die verschiedenen Schnittstellen von Film und Literatur betrachten. Das ist sicherlich keine einfache Angelegenheit und wurde auch schon mehrfach praktiziert, allerdings sehen wir einen großen Reiz darin, viele verschiedene Stimmen unter einem Dach aufeinander prallen zu lassen.

Beginnen wir ganz allgemein: In welcher Hinsicht spielt Film für dich eine Rolle und hat sich durch deine Arbeit an PARADISO dein Filmerleben in gewisser Hinsicht verändert?

In Vorfreude auf eine erste Antwort,
Constantin Lieb


From: Thomas Klupp
To: Cine-Fils Interview Magazine
Subject: Re: cine-fils. com
Date: Tue, 24 Aug 2010 01:51:29


lieber constantin,

Ich bin ein ziemlicher Unterhaltungsjunkie. In diesem Sinn kommt Film meinem Bedürfnis nach lustvoller Weltflucht oder Welterkenntnis, nach emphatischer Teilhabe und ästhetischem Erleben kongenial entgegen. Pathos spielt dabei keine unwichtige Rolle. Im Alltag finde ich Pathos eher schwierig. Auch in der Literatur habe ich oft Probleme damit. Im Film hingegen erwarte ich es. Nehmen wir beispielsweise Batman Begins. Die Szene, als Batman sich vom Dach in die Gassen der Narrows stürzt. Seine große Liebe Rachel Dawes, die er eben noch gerettet hat, fragt ihn, wer er ist. „You could die“ sagt sie, „at least tell me your name.“ Er antwortet: „It’s not the way I’m underneath, but what I do, that defines me.“

Derselbe Satz, mit dem sie zuvor den scheinbar oberflächlichen Lebenswandel von Bruce verurteilt hat. Der Satz, mit der er ihr nun seine Identität offenbart. Ein Dutzend Worte, so perfekt in Szene gesetzt, dass es einem Tränen in die Augen treibt. Ganz groß. Das kann nur Film. Einen so unmittelbar, so direkt und punktgenau abzuholen und zu erheben. Einzelne Momente oder Dialogzeilen so immens aufzuladen, dass man wieder an die großen Gefühle glaubt; sie erlebt. Geht man davon aus (was ich tue), dass eine der größten zivilisatorischen Leistungen die Kontrolle der eigenen Emotionen ist, befriedigt Film einen Atavismus. Wenn ich gute, große Filme sehe, bin ich ganz ursprünglich, bin bedingungslos, bin ganz Gefühl. Würde Hollywood morgen dicht machen, mein emotionales Gleichgewicht wäre aufs Empfindlichste gestört.

Auf meine Texte hingegen hat Film nur geringen Einfluss. Umgekehrt verändert auch die Arbeit an Texten meinen Zugang auf Filme nicht. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich kaum Überschneidungspunkte in der Entwicklung von Texten und Filmen sehe. In der Literatur (zumindest der guten) hängt alles vom Ton ab. Wenn ich einen stimmigen Ton habe, kann ich alles erzählen, es ist immer super. Für diesen Ton bin allein ich als Autor  verantwortlich, und ich arbeite nur in einem Medium, der Sprache. Beim Film setzt sich der Ton oder wie man es hier auch immer nennen will aus einer Vielzahl von Elementen zusammen: Regie, Kamera, Schauspieler, Sound, Schnitt... Aus makroskopischer Perspektive scheue ich da den Vergleich zwischen den beiden Kunstformen. 

Eine mikroskopische Ergänzung: Was ich durch Filme wohl doch für mein Schreiben gelernt habe, ist eine Art szenisches Gespür. Also ein Gespür für die Frage, wann ich eine Szene einsetzen lasse, wann ich aus ihr ausblende. Das hat mich früher immer fix und fertig gemacht. Da haben die endlosen, vor surfthechannel. com verdämmerten Nächte doch etwas gebracht.

liebe grüße von
thomas


From: Cine-Fils Interview Magazine
To: Thomas Klupp
Subject: Re: Re: cine-fils. com

Date: Thur, 26 Aug 2010 23:03:20

Lieber Thomas,

Pathos ist in vielerlei Hinsicht schwierig - vielleicht sogar gefährlich - und doch stimme ich zu; Pathos ist ein wichtiger Bestandteil von Kino. Auch wenn es nur darum geht, seine Künstlichkeit mit aller Kraft zu vermeiden, wie es in Teilen der Dogma95 Filme geschah.
Die Szene aus Batman Begins ist ein gutes Beispiel. Das emotionale Hochgefühl, diese gewisse Erhabenheit (auch ein vorbelasteter Begriff), eine Art Genugtuung. Das alles funktioniert, weil wir uns im Kino daran erinnern, dass der Satz schon einmal gesagt wurde, weil die Aufmerksamkeit gebündelt ist, der Regisseur in gewisser Hinsicht unsere Gefühle kontrolliert. Aber ist nicht genau das ein Schnittpunkt zur Literatur?

Gleichwohl der Film sich aus einzelnen Teilen zusammensetzt und die Literatur in der Sprache alleine agiert, spielen beide Formen mit einem gewissen Kontrollmechanismus. Mag eine bestimmte Beschreibung in einem Roman für unterschiedliche Leser auch unterschiedliche Bilder evozieren, ist es doch eine festgesetzte Perspektive, durch die der Leser die Beschreibung erfährt.
Man könnte es vielleicht besser mit dem Assoziationsempfinden beschreiben. In einem Roman scheint die Phantasie des Lesers ungebrochen zu sein, jedenfalls im Gegensatz zum Kino, das Bilder vorgibt: Der Leser imaginiert sich eine Figur, deren Zuhause etc., der Film zeigt dies. Ist es aber nicht die genaue Art der Beschreibung, eine bestimmte Aufzählungsfolge, gezielt verschachtelte Haupt und Nebensätze, die den Leser in seiner Phantasie begleiten, seine Assoziationen lenken, ihn kontrollieren?

Im Kino: Obwohl mir Bilder vorgegeben sind, heißt das nicht, dass ich meinen Fokus auch auf das richte, was für den Regisseur in einer Szene am wichtigsten ist. Vielleicht ist es auch eine Katze im Hintergrund, die nur zufällig ins Bild läuft, an der sich mein Blick festhält. Oder die verglaste Front eines Hochhauses, hinter die ich nicht blicken kann, die aber meine Vorstellung beflügelt, mein Bild der Stadt prägt, die mir der Film zeigen möchte.

Auch das Timing für Anfang und Ende einer Szene könnte man mit diesem Aspekt beschreiben, sowohl im Film als auch in der Literatur. Was zeige ich dem Publikum noch, was soll es mit in die nächste Szene nehmen? Wie viel verrate ich dem Leser über die Figur an dieser Stelle, was passiert in ihr und was erzähle ich?
Interessant wäre es zu sehen, inwiefern sich das Aufnehmen bestimmter Erzählmuster der Literatur durch unseren medialen Blick, durch die ständig bebilderte Wahrnehmung, für den Leser verändert hat oder ob man Literatur losgelöst davon erfährt...

Mit vielen Grüßen,
Constantin


From: Thomas Klupp
To: Cine-Fils Interview Magazine
Subject: Re: Re: Re: cine-fils. com
Date: Fri, 03 Sept 2010 03:09:00


lieber constantin,

Ich verstehe gar nicht, warum Pathos und Erhabenheit schwierig oder gefährlich sein sollen. Das erscheint mir als typisch alteuropäischer oder auch deutscher Reflex, der sich womöglich historisch begründen lässt, der aber meiner Auffassung nach völlig überholt ist. Inszenierten Pathos und inszenierte Erhabenheit finde ich großartig, und den Film sehe ich als das Medium schlechthin an, das dieses grundmenschliche Bedürfnis (nach pathetischen, erhabenen Erfahrungen) ästhetisch befriedigen kann. Die Verbindung aus schauspielerischer Darstellung, Bildsprache und Musik ist da einfach unschlagbar. Das - schwarz auf weiß gedruckte - Wort schmiert dagegen ab. Literatur ist in diesem Sinn eher das Medium der Ironie, der intellektuellen Anstrengung, das nur in den selteneren Fällen das Herz der Menschen mit Wucht erreicht.

À propos Dogma: Lars von Triers 'Dancer in the Dark' ist für mich einer der pathetischsten Filme der letzten fünfzehn Jahre (allein der Titel).


>>Die Szene aus Batman Begins ist ein gutes Beispiel. Das emotionale Hochgefühl, diese gewisse Erhabenheit (auch ein vorbelasteter Begriff), eine Art Genugtuung. Das alles funktioniert, weil wir uns im Kino daran erinnern, dass der Satz schon einmal gesagt wurde, weil die Aufmerksamkeit gebündelt ist, der Regisseur in gewisser Hinsicht unsere Gefühle kontrolliert. Aber ist nicht genau das ein Schnittpunkt zur Literatur?<<


Gefühlskontrolle - oder weiter gefasst: ein intendierter emotionaler Effekt auf den Rezipienten ist für mich aus wirkungsästhetischer Perspektive eine wesentliche Definition von 'Form' insgesamt. Ich blende aus, akzentuiere nur bestimmte Aspekte eines größeren narrativen Zusammenhangs, um dem Rezipienten eine bestimmte Erfahrung oder Idee zu vermitteln. Hier berühren sich Literatur und Film in ihrer handwerklichen Machart zweifelsohne.  

>>Gleichwohl der Film sich aus einzelnen Teilen zusammensetzt und die Literatur in der Sprache alleine agiert, spielen beide Formen mit einem gewissen Kontrollmechanismus. Mag eine bestimmte Beschreibung in einem Roman für unterschiedliche Leser auch unterschiedliche Bilder evozieren, ist es doch eine festgesetzte Perspektive, durch die der Leser die Beschreibung erfährt.Man könnte es vielleicht besser mit dem Assoziationsempfinden beschreiben. In einem Roman scheint die Phantasie des Lesers ungebrochen zu sein, jedenfalls im Gegensatz zum Kino, das Bilder vorgibt: Der Leser imaginiert sich eine Figur, deren Zuhause etc., der Film zeigt dies. Ist es aber nicht die genaue Art der Beschreibung, eine bestimmte Aufzählungsfolge, gezielt verschachtelte Haupt und Nebensätze, die den Leser in seiner Phantasie begleiten, seine Assoziationen lenken, ihn kontrollieren?<<

Tatsächlich, glaube ich, lassen sich Assoziationen - im einen wie im anderen Medium - nur sehr schwer lenken. Der mündige Rezipient - von dem ich ausgehe - liest oder sieht immer seinen eigenen Roman, seinen eigenen Film. Er oder sie gleicht das Interesse bzw die Intention des Autors oder Regisseurs immer mit dem eigenen Erfahrungshorizont bzw Lebenszusammenhang ab. Der Film ist vielleicht ein bisschen autoritärer, weil er über rund zwei Stunden die ungebrochene, kontinuierliche Aufmerksamkeit des Zuschauers verlangt. Im Kino einmal auf die Toilette gegangen und schon habe ich eine wichtige Information verpasst. Literatur dagegen ist geduldiger. Ich bestimme selbst, wann ich das Buch weglege und wann ich es wieder zur Hand nehme. Aber im Grunde kratzt diese Beobachtung nur an der Oberfläche.

Wesentlicher für mich ist die Tatsache, dass ich die beide Formen von Narration immer auch gegen den Strich lesen kann. Nehmen wir als Beispiel 'Inception': Der Safe als die in Szene gesetzte Metapher des verborgenen unbewussten Geheimnisses. Für wie plump, bitte schön, hält Christopher Nolan mich? Trotz großartiger Bilder hab ich über den Film nur lachen können, weil er mir das Unbewusste auf so eine unterkomplexe und triviale Art näher bringt, dass ich mich als Zuschauer wirklich verarscht fühle. 'Inception': eine Parodie. Und so hat Nolan das bestimmt nicht gemeint. Da hat Film vielleicht insgesamt ein Problem: Er muss stärker auf bekannte Bildmotive rekurrieren, um sich verständlich zu machen, als die Literatur. Die Kombinationsmöglichkeiten von Worten sind vielfältiger als der symbolische Common Sense einer Kultur.

>>„Im Kino: Obwohl mir Bilder vorgegeben sind, heißt das nicht, dass ich meinen Fokus auch auf das richte, was für den Regisseur in einer Szene am wichtigsten ist. Vielleicht ist es auch eine Katze im Hintergrund, die nur zufällig ins Bild läuft, an der sich mein Blick festhält. Oder die verglaste Front eines Hochhauses, hinter die ich nicht blicken kann, die aber meine Vorstellung beflügelt, mein Bild der Stadt prägt, die mir der Film zeigen möchte.“<<


Ja.

>>„Auch das Timing für Anfang und Ende einer Szene könnte man mit diesem Aspekt beschreiben, sowohl im Film als auch in der Literatur. Was zeige ich dem Publikum noch, was soll es mit in die nächste Szene nehmen? Wie viel verrate ich dem Leser über die Figur an dieser Stelle, was passiert in ihr und was erzähle ich?"<<

Zweifellos hat das mediale Gesamtmilieu einer bestimmten Zeit einen Einfluss auf die Wahrnehmung eines einzelnen Mediums. In der Literatur der vergangenen Dekaden lässt sich beispielsweise eine Art narrativer Beschleunigung konstatieren. Bücher wie 'Less than Zero' von Ellis oder 'Twelve' von McDonell wären ohne den Film nicht denkbar. Das ist Literatur auf Speed, könnte man sagen. Literatur, die fast ausschließlich szenisch arbeitet. Gewissermaßen als Gegenbewegung dazu lassen sich aber Erzählentwürfe von Autoren wie Wallace ('Infinite Jest') oder im deutschsprachigen Raum von Thomas Lehr ('42')  ausmachen. Diese Texte sind maximal entschleunigt, beharren ganz auf dem Medium der Sprache, verweigern sich konsequent intermedialen Rückkopplungsschleifen. Das Großartige ist: Beides funktioniert auf kongeniale Weise.

liebe grüße sendet dir
thomas

--


Anmerkung der Redaktion:
Leider war es zeitlich nicht möglich, die E-Mail Korrespondenz über diesen Status weiter zu führen, weshalb der Dialog hier etwas abrupt endet. Trotz allem war es uns wichtig, die Gedanken und Ausführungen, die bis dato bereits ausgetauscht wurden, mit aufzunehmen und nicht erst zu einem späteren Zeitpunkt zu publizieren.