En tant que cinéphile,

En tant que cinéphile,

je suis un fanatique du livre

von Clemens v. Lucius


Ich weiß nicht, was ich über Bücher und Kino schreiben soll, so werde ich beginnen. Übermütig hatte ich einem engen Freund zugesagt, für seine (digitalen) Sonderseiten anlässlich der Buchmesse etwas zum Thema »Film und Literatur« zu schreiben. (Hoffentlich fragt er nie wieder.) Da saß ich nun. Nachdem drei lange Interviews mit Schriftstellern aus der Paris Review – die ja angeblich vom Handwerk des Schreibens handeln, mein letzter Rettungsanker – mir enttäuschenderweise auch nicht bei der Bekämpfung des weißen Blattes weitergeholfen hatten, schaute ich mir einen Film auf DVD an. Der Film rettete mich vor der endgültigen Verzweiflung: Ich erinnerte mich – wer weiß warum – an meinen langjährigen Freund Erik O., vormals Anzüge tragender schwedischer Kochbuchverleger und inzwischen bärtiger Ziegenkäseproduzent in der Ardèche. Er hatte mir vor Jahren die folgende Geschichte zum Geburtstag geschickt / geschenkt; er wird hoffentlich nicht böse sein, wenn sie hier – wieder ausgegraben – veröffentlicht wird, aber ohne Internet auf seinem Bauernhof ist das Risiko gering, dass er es überhaupt merkt:

 

»Das Kino ist unsere einzige Heimat in bösen Zeiten.« (Alexander Kluge)

 

Oktober. Schon wieder ein Jahr vergangen. Jeder kennt diese Wegmarken: Geburtstage, Weihnachten oder ähnliche große Festtage. Es gibt sie eben auch im beruflichen Umfeld: Messen, Festivals, zum Beispiel. Also schon wieder Oktober, schon wieder Buchmesse! Ich seufzte ganz leise und nur für mich selbst bemerkbar, als meine Sekretärin mir – schon wieder – die Reiseunterlagen mit Flug von Stockholm nach Frankfurt, Hotelbuchung und – schon im Vorfeld neurotisch vollem – Terminkalender auf den Schreibtisch legte. Da ich nicht zu den ganz Großen und Wichtigen gehöre, die maximal zwei Nächte im Frankfurter Hof verbringen und dann spätestens Mittwoch schon wieder abreisen können, bedeutete die Tatsache, dass es schon wieder Oktober war, für mich erneut – zum siebenundzwanzigsten Mal –, fast eine ganze Woche in der eigenartigen deutschen Stadt am Main verbringen zu müssen. In Messehallen mit Hunderttausenden von Neuerscheinungen. Als Gegengift packte ich sofort einundzwanzig DVDs ein (für jeden Tag drei, zumindest Auswahl wollte ich haben, wenn schon keine Zeit, alle Filme anzuschauen). Wäre nicht eine Filmmesse etwas wunderbares, die einfach in großen Hallen ebenso viele DVDs und Videos präsentieren würde wie die Buchmesse Bücher?

 

Filme sind so unerhört anders als Bücher, das ist selbst oder gerade bei Literaturverfilmungen so. Diese Gegenwelt hilft an erschöpften Buchmessenabenden im Hotel (mit den aberwitzigen Messepreisen). Fritz Langs lakonische Äußerung zum grundsätzlichen Gegensatz zwischen Schrift und Bild gefällt mir immer noch und immer wieder: Auf der Leinwand ist auch nicht zu sehen, was im Drehbuch steht. »Naturally. Because in the script it’s written, and on the screen it’s pictures.« Naturally.

 

Messe eröffnet, Ehrengäste des Ehrengastlandes, Bundeskanzler und Vorsteher des Börsenvereins hatten gesprochen und eröffnet (über den letztgenannten Titel wunderte sich immer noch der Großteil der internationalen Gäste. Mein schwedisches Wörterbuch bot mir für »Vorsteher« nur religiöse Positionen in einem Kloster als Übersetzung an. Ähnlich arkan ist wohl für Außenstehende der »Best Boy Grip« im Abspann. Ich schweife ab.) Nun also wieder Alltag am Stand, in Besprechungsräumen, das Übliche. Wenn durch die wie immer stickig-heißen und sauerstoffarmen Gänge der Frankfurter Messehallen dann wieder das unerträglich hochnäsige und selbstgefällige Gerede von der »Kultur« strömte – als wären Verlage keine Wirtschaftsunternehmen und die Mehrzahl der Hunderttausenden von Neuerscheinungen »gute Bücher«, und als müssten somit alle Menschen der Verlagsbranche unendlich dankbar sein für diese selbstlose Weltbeglückung mit Büchern –, dann dachte ich gerne an den US-amerikanischen Filmproduzenten Jack Palance, der in Godards LE MÉPRIS (1963) sagt: »Whenever I hear the word culture, I bring out my checkbook.« (Dass ihn Fritz Lang im Film daran erinnert, dass die Nazis fast dasselbe gesagt hatten, nur statt »Scheckbuch« »Revolver«, vergaß ich hier gern.) Die Filmindustrie bezeichnet sich selbstverständlich und mit Stolz als Industrie, ebenso die Musikindustrie, obwohl beide nicht weniger Kultur produzieren als die eingebildete Buchindustrie, Entschuldigung: Buchbranche.

 

»Qu’est-ce que c’est, le cinéma? Une grosse tête en train de faire des grimasses dans une petite salle. Il faut être con pour aimer ça.«
(Charlotte in Jean-Luc Godards CHARLOTTE ET SON JULES [
1958])

 

Aufgewühlt verließ ich dann schleunigst die Messehallen und steuerte auf ein Kino zu. Zunächst Richtung Hauptbahnhof, dann vorbei an den Pornokinos – nicht allzu weit weg von Goethe- und Schillerstraße (Buchmessenironie?), aber die Schriftsteller wollte ich ja gerade vergessen … – ging ich in eines der letzten großen alten Kinos, die früher einmal Filmpaläste geheißen hatten. Entgegen der üblichen Haltung, »Ich gehe ins Kino, wenn es regnet« – was für eine unglaubliche Haltung! So was können nur Leute sagen, die das Kino nicht lieben. Würde ich den Buchphilistern beispielsweise erzählen, »Ich lese nur, wenn es regnet«, würden sie mich einen Barbaren schimpfen, im besten Fall –, entgegen dieser Konvention also ging ich ganz besonders gerne bei strahlendem Sonnenschein und tagsüber ins Kino, und bevorzugt allein (ich will ja auch nicht zusammen mit anderen lesen). Leider war strahlender Sonnenschein im Oktober in Frankfurt am Main nicht gerade häufig, wenn auch nicht ausgeschlossen, möglich immerhin; alleine ins Kino zu gehen war dagegen während der Buchmesse unglaublich einfach.

 

Der beste, eindrücklichste und von der höchsten Spannung getragene Moment im Kino war für mich meist die Zeit unmittelbar vor dem Hauptfilm, nach Werbung oder Filmvorschauen – in Filmmuseen oder den mit dem unglücklichen Namen »Programmkino« versehenen Häusern (ein Programm haben doch auch das schäbigste Pornokino oder von Verleihfirmen erpresste Multiplexe) begann dieser unübertreffliche Moment meist ziemlich direkt nach dem Betreten des Saals. In Frankfurt war ich selbstverständlich meist einem halbstündigen Vorgeplänkel ausgesetzt. Nach diesem lag dann der schwere, meist rote Vorhang geschlossen vor der Leinwand und verdeckte die Bühne des gleich folgenden Theaters. Die Vorfreude ist in der Lage, einen Film von so außerordentlicher Qualität zu imaginieren und Erwartungen zu schüren, die der im Anschluss zu sehende Film nicht immer halten kann. Die Lichter wurden langsam gedimmt, die Spannung knisterte gar nicht (wie viele behaupten), sondern ihre besondere Beschaffenheit bestand gerade in ihrer wunderbaren Stille. Die ersten Lichtstreifen, die aus dem Projektionsraum in den Saal schossen, beendeten diese Stille und Dunkelheit mit einer faszinierenden Energie.

 

Nicht immer wusste ich genau, was ich sehen würde. Die Auswahl war begrenzt, ich musste mich schnell entscheiden und auf die nächste Anfangszeit Rücksicht nehmen. Zudem waren die deutschen Synchrontitel nicht immer hilfreich, obwohl (oder gerade weil?) ich ein wenig Deutsch verstand. Dass REBEL WITHOUT A CAUSE(1955) auf Deutsch zum Christusdrama … DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN  überhöht wurde, ist ein zu einiger Berühmtheit gelangter Fall des Synchrontitels. Aber wer könnte sich in seinen wildesten Träumen schon vorstellen, dass sich hinter EIN MÄDCHEN, EIN MULI UND OMAS WHISKY der Film A GIRL NAMED SOONER (1975) mit der schönen Lee Remick verbirgt, oder dass es sich bei U23 – HAIE IM PAZIFIK  um RUN SILENT, RUN DEEP(1958) handelt? Durch diese Verkomplizierung sowie die unterschiedlichen Premierendaten in verschiedenen Ländern kam es also durchaus vor, dass ich – ohne es zu wissen – in einem Film saß, den ich schon kannte. Wenn ich keine Lust hatte, diesen Film erneut anzuschauen, ging ich einfach, noch während der Vorspann lief, aus dem Saal und setzte mich ins große Frankfurter Kinofoyer. Dort trank ich dann meist ein Bier und las ein »gutes Buch«.