Als das Kino noch Kind war...

Als das Kino noch Kind war...

ZU DER 1. SONDERAUSGABE VON CINE-FILS.com


Es gibt unzählige Filmbeispiele, in denen sich das Kino der Geste des Schreibens widmet: Denken wir an die immer wiederkehrenden Einstellungen der schreibenden Hand in Robert Bressons TAGEBUCH EINES LANDPFARRERS, den André Bazin in seinem Kinobuch gewissermaßen als Archetyp der Literaturverfilmung (hier des gleichnamigen Romans von George Bernanos) bespricht. Oder an die erste Einstellung in Wim Wenders HIMMEL ÜBER BERLIN, die die Niederschrift von Peter Handkes „Lied Vom Kindsein“ zeigt. Und schließlich vielleicht an Jean-Luc Godards HISTOIRE(S) DE CINÉMA, in denen der französische Filmemacher an seiner Schreibmaschine gezeigt wird, an der er gewissermaßen den Film niederschreibt, den wir gerade sehen.

In den zitierten Beispielen scheint sich das Kino quasi auf seinen Ursprung zurückzubesinnen, der in den meisten Fällen eben nicht die Photographie, der erste belichtete Kader des Filmmaterials, sondern das Wort, die Schrift und somit das Drehbuch ist, auf dessen Grundlage der jeweilige Film entstehen soll. Beinahe möchte man hier Handkes „Lied Vom Kindsein“ auf das Kino anwenden und fortführen: „Als das Kino noch Kind war, war es Literatur.“ Und in der Tat hat Eisenstein in seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Romanliteratur des 19. Jahrhunderts (Dickens, Zola, Balzac) bewiesen, dass der realistische Roman gewissermaßen die Geburtstunde des Kinos heraufbeschworen hat. Die Literaturgeschichte wird hier zur Vorgeschichte des Films.

Aber man muss nicht Kulturhistoriker sein, um die Berührungsmomente von Film und Literatur zu erfahren: Persönliche Erinnerungen an literarische Werke werden nicht selten durch Bilder beschrieben. Umgekehrt nutzt der Filmkritiker das geschriebene Wort, um seine Erinnerungen an die Bilder eines Films zu skizzieren und ihn zu beschreiben. Und natürlich bildet das Drehbuch als niedergeschriebener Bauplan für den zu realisierenden Film eine ganz wesentliche Scharnierfunktion zwischen Literatur und Bildsprache, in dem es sozusagen das Bild bereits in den Worten mit sich führt. Dass diese Verbindung aus Wort und Bild ein ganz neues Wirkpotential in sich trägt hat auch Bertolt Brecht früh erkannt: „Der Filmsehende liest Erzählungen anders. Aber auch der Erzählungen schreibt, ist seinerseits ein Filmsehender.“

Mit dieser Sonderausgabe von CINE-FILS.com, die wir pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2010 veröffentlichen, möchten wir uns mit den zahlreichen Überschneidungsmomenten von Film und Literatur beschäftigen, um die mannigfaltigen Beziehungen zwischen den beiden Kunstformen anhand einzelner Phänomene sichtbar werden zu lassen:

Beginnen wir in der Mitte des Geschehens, in Frankfurt am Main in einer der Messehallen. Ein Verleger flieht hier von der Buchmesse in den nächst gelegenen Kinosaal. Clemens von Lucius hat seine Geschichte für uns aufgeschrieben: „En tant que cinéphile, je suis un fanatique du livre“.

Gleichsam Cinephiler und Buchfanatiker ist auch der Romancier und Drehbuchautor Ulrich Peltzer, der mit uns über die Verzauberung durch Filme und die Verführung durch Bücher gesprochen hat.

Eine nächtliche E-Mail Korrespondenz zwischen Schriftsteller Thomas Klupp und Constantin Lieb umkreist die emotionale Schnittstelle zwischen Film und Literatur.

Dass diese Schnittstelle auch eine Lücke sein kann und der Ursprung der Bilder in den Worten liegt, hat uns die Kulturhistorikerin und Filmemacherin Christina von Braun beschrieben.

An welchen Stellen genau dieser literarische Ursprung des Films wiederum sichtbar ist und wo die Geste des Schreibens vom Kino erinnert wird, haben wir von Kulturwissenschaftler Thomas Macho erfahren.

Drehbuchautor Bernd Lange bezeichnet seine eigene Kunst, das Drehbuchschreiben, als Zwischenstadium, das nicht mehr Literatur und noch nicht Film ist.

Die Schriftstellerin Katharina Hacker wiederum hat mit uns über ihre Abkehr von einem stringentem Geschichtenerzählen und den Einfluss von Form, Rhythmus und Montage auf ihre Eigene Arbeit gesprochen.

Autorenfilmer Christian Petzold, der seine eigenen Drehbücher schreibt, berichtet schließlich von dem schwierigen Wechsel der Stadien, die ein Film vom Drehbuch bis zu den Dreharbeiten durchläuft und schlussfolgert, dass ein Drehbuch der literarische Aggregatszustand eines Films ist, während eine Filmszene keine Schlusssätze haben darf.

Neben den zahlreichen Interviews freuen wir uns außerdem über die folgenden Beiträge:

„Geschichten sind keine Stoffe“ von Georg Malcovati


„Der verwandelte Film“
– von Jennifer Borrmann


„Der ganze alte Schrott muss raus“
– von Felix Zwinzscher

„Drehbücher als literarische Form“  - von Mirko Gemmel


„Wilder Perspektivenwechsel“
– von Constantin Lieb


„Adaption, Interpretation, Übersetzung“
– von Kai Uwe Löser


„Pasolini und die Kritk der Tel Quel Gruppe“
– von Maurice Schuhmann


„Photographie in Literatur und Film“
– von Kathrin Schönegg


„Ungesagtes, Ungezeigtes“ – von Volker Heine

„Graphische Erzählkunst“ - von Seda Niğbolu


Mit bestem Dank an alle Autoren und viel Freude bei der Lektüre und Sichtung der Beiträge,

Die Herausgeber
(Felix von Boehm & Constantin Lieb)