Der verwandelte Film

Der verwandelte Film

Über die literarische Gattung Filmkritik

von Jennifer Borrmann


Es gibt nicht nur Literaturverfilmungen oder Bücher zum Film. Nein, es gibt darüber hinaus eine eigenständige Literaturgattung, die – auch wenn in der breiten Öffentlichkeit nicht unbedingt als solche wahrgenommen – eine starke Verbindung zu den beiden Kunstformen Film und Kino aufweist, gleichsam eine Schnittstelle bildet: die Filmkritik. Sie verbindet bereits in ihrem Wesen Kino und Literatur. Sie ist als Kritik im literaturwissenschaftlichen Sinn der faktualen bzw. Gebrauchsliteratur zugeordnet. Es zeigt sich aber bei genauerem Hinsehen, dass der rezensierte Film mitsamt seinen visuellen und akustischen Eindrücken auch zur Erzählprosa anregt und somit eine zusätzliche literarische Gattung hinzukommt, nämlich die Epik. So oder so: Die Poetizität und sprachliche Strukturierung eines filmkritischen Textes lehnen sich häufig direkt oder indirekt an die narrative und ästhetische Struktur des rezensierten Films an.[i] Es handelt sich um Literatur, die durch Kino bedingt wird.

Man kann zwischen Filmkritiken unterscheiden, die den Film im Kontext der Gesellschaft oder spezifischer kultureller Eigenheiten besprechen oder, die den Film in den Zusammenhang zu anderen Filmen setzen und dabei analytisch vorgehen. Daneben gibt es Kritiken, die den Film lediglich resümierend beschreiben – dies kann auch als erlebte Rede oder innerer Monolog geschehen. Wieder andere Texte wollen den Film als gefühltes und lebendiges Erlebnis wiedergeben: Entweder wird in filmischer Schreibweise nacherlebt oder mittels filmischer Schreibweise neu geschaffen. Je nach übergeordnetem Presseorgan, ob nun Tages- oder Wochenpresse oder filmkritische Magazine und Periodika, liegt die Schwerpunktsetzung der filmktischen Methode woanders. Filmkritik dient zwar in erster Linie einem bestimmten Zweck, nämlich der Kritik und Information. Trotzdem sind filmkritische Texte oftmals eine Melange aus verschiedenen Stilmitteln unterschiedlicher Gattungen. Sie wiederholen die Ausdruckskraft des gesehenen Films. Cinematographische Kunst wird verschriftlichte Kunst. Der Text evoziert wiederum Bilder im Kopf, die entweder – wie bei epischer Literatur – neue subjektive Bilder und Assoziationen hervorrufen oder die auf die vom Kritiker und Leser selbst gesehenen Bilder des Films rekurrieren.

Comicverfilmung als Schnittstelle


Vor allem die derzeitige Flut an Comicverfilmungen macht die enge Schnittstelle zwischen Literatur und Kino in der Filmkritik sehr deutlich. Letztere orientiert sich dabei häufig an der literarischen Vorlage und gleichzeitig natürlich am Film. So wird also eine besondere Art der Literatur (1. Stufe), nämlich der Comic, der ja selbst schon Bilder und eventuell Farben beinhaltet, zum Film (2. Stufe), womit Akustik, Gestik, usw. hinzukommen, der wiederum als Filmkritik (3. Stufe) verarbeitet und verschriftlicht wird. Dasselbe gilt natürlich auch für Literaturverfilmungen. Hier verarbeitet Filmkritik also gegenständlich die beiden Kunstformen Literatur und Kino und lässt sich dabei häufig von den Strukturen der Rezensionsobjekten inspirieren, auch wenn der Film dabei im Vordergrund steht. Sie verbindet dabei faktuales (erzählende Wirklichkeitsaussage) mit fiktionalem Erzählen (die literarisch erzählte Welt). Es ist meist der Übergang zum fiktionalen Erzählen, an dem der Text eindeutig in Struktur und Wesen, auch in linguistischer Hinsicht von der Struktur des Films beeinflusst wird. In Manohla Dargis’ Rezension zu THE DARK KNIGHT (2008) in der New York Times wird nicht nur in der Beschreibung des Jokers dieser lebendig vor Augen geführt, auch rekurriert Dargis gleichzeitig mit lautmalerischen Mitteln auf die Literaturgrundlage des Comics: „Licking and chewing his sloppy, smeared lips, his tongue darting in and out of his mouth like a jittery animal, he turns the Joker into a tease who taunts criminals […] and the police […], giggling while he-he-he (ha-ha-ha) tries to burn the world down.”[ii]

Tradition der Literaturkritik


Die enge Verknüpfung von Literatur und Kino vor allem in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern, liegt unter anderem darin begründet, dass sich die Filmkritik aus der Tradition der Literaturkritik entwickelte. Sie wurde also hauptsächlich von Schriftstellern verfasst Wie bereits 1913 in Kurt Pinthus „Kino-Buch“ dargestellt, ließen sich zahlreiche Autoren in ihrem Schreibstil durch Film und dessen technische Möglichkeiten inspirieren. Es handelt sich bei vielen Filmkritikern um Gattungskenner. Dies gilt auch heute noch: Andreas Friedrichs Kritik zu Blade ist wie ein klassisches 5-Akt-Drama aufgebaut, das als Vorläufer des Kinos als darstellende und ästhetische Kunstform gelten darf: Prolog, Akt II: Vielleicht ein Albtraum, Akt III: Noch ein Albtraum, Akt IV: Nur ein Traum, Epilog. Der Text zeigt daneben deutliche Zeichen der Beeinflussung durch den Film. Tempo, Farben, Charaktere, Schnitte und Audio des Films – selbst eine Literaturverfilmung, es handelt sich wieder um ein Comic – haben in der Kritik Friedrichs deutliche Spuren hinterlassen.[iii] Auch in amerikanischen Rezensionen, beispielsweise zu LETTERS TO JULIET (2010), tritt das Selbstverständnis des Kritikers als Literaturwissenschaftler hervor:

“The people in tragedies, according to Aristotle, are better than the rest of us, while the people in comedies are worse.
In a certain kind of modern comic romance, though, the two primary stipulations are that the main characters be better-looking and duller than the audience, which produces a self-canceling wash of emotions. No cathartic tears or therapeutic laughter, but instead a mild, smiley stupefaction. Look at how pretty Italy is! And how pretty Amanda Seyfried is! She’s drinking a glass of wine. I’ll bet that tastes good. Isn’t that fellow handsome? Doesn’t that old lady look sad? A wedding, how nice!“[iv]

Die Leichtfüßigkeit der romantischen Komödie wird hier – wenn auch mit ironischem Unterton – im Text reproduziert: Die hellen, sanften Farben, hübschen Figuren und die seichte Geschichte des Films werden mittels euphemistischer Wortwahl und rhetorischer Figuren verschriftlicht und gleichzeitig an den Kriterien des Dramas gemessen. Auch wenn die Wirkung des Films auf die Wortwahl des Textes unübersehbar ist und der Leser deshalb weiß, was er im Film erwarten darf, wird darüber hinaus besonders deutlich wie subjektiv Filmkritiken sind.

Inspirationsquelle für Erzählprosa

Der stream of consciousness, also die Extremform des inneren Monologs, in dem der Kritiker seine assoziativen Bewusstseinsinhalte wie Empfindungen, Ressentiments, Erinnerungen, Reflexionen, usw. darstellt[v], wurde als literarisches Stilmittel in der Kritik von Werner Busch besonders eindrucksvoll umgesetzt. Auf interessante Weise ließ er sich im Schreibprozess von der inhaltlichen sowie strukturellen Ästhetik des neuen Films von Christopher Nolan, INCEPTION (2010), beeinflussen: Busch beginnt mit einem langen ersten Absatz eines eigenen Traumes. Dabei beschreibt er, was und wie er das Geträumte erlebt, wie Regeln der Schwerkraft und der Zeit außer Kraft gesetzt sind. Damit wird eine ganz neue Art Literatur geschaffen, die im Grunde nichts mehr mit dem Film zu tun hat, aber ganz eindeutig durch dessen Inhalt und Struktur inspiriert wurde. Man könnte den ersten Abschnitt – eindeutig eine Erinnerung des Autors – für sich stehen lassen, ohne ihn auf den Film beziehen zu müssen. Aber mit dem zweiten Absatz stellt Busch die direkte Verbindung zum Film her und wir erkennen, wie uns der Kritiker in seinen Text und damit gleichzeitig in die (Traum-)Welt des Films entführt. Busch wurde durch die vielen Traumebenen, Welten, Zeitabschnitte, Cuts und Sequenzen des Films dazu verleitet, traumartig, d.h. aber auch filmisch zu schreiben.[vi] Auch er verbindet fiktive Prosa und faktuale Literatur, die jeweils durch den Film beeinflusst bzw. angeregt wurden.

Der innere Monolog in den Kritiken, mit häufigen Einschüben wie „angstvoll in den Kinositz pressen“ oder „sich in die Armlehnen krallen“, erweckt beim Lesen in literarisch lebendiger Weise das Gefühl des Miterlebens. Wir erleben das Gelesene als Kopfkino. Hier wird Filmkritik selbst zur eigenständigen literarischen Form, zu Prosa. Selbst wenn der rezensierte Film vom Leser noch nicht gesehen wurde, kann dieser in vielen Fällen von der Struktur der Kritik, von der Wortwahl, Syntax und Stilmittel – im Grunde also von der filmischen Schreibweise – auf die ästhetischen und narrativen Strukturen der bewegten Bilder schließen.


Verwendete Literatur:

- Becker, Sabina/Hummel, Christine/Sander, Gabriele: Grundkurs Literaturwissenschaft, Stuttgart 2008.

- Dargis, Manohla: “Showdown in Gotham Town”, in: New York Times, 18. Juli 2008, hier online.

- Friedrich, Andreas: Blade, in: Film-Dienst, Ausgabe 24/1998.

- Scott, A.O.: “In Pursuit of a Long-Distance Romance, Abandoned Long Ago”, in: New York Times, 14. Mai, 2010, hier online.

- Jeßing, Benedikt/Köhnen, Ralph: Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, Stuttgart 2003, S. 191.

- Busch, Werner: All That We See Or Seem..., in: Schnitt online.


[i] Vgl. Becker, Sabina/Hummel, Christine/Sander, Gabriele: Grundkurs Literaturwissenschaft, Stuttgart 2008.

 

[ii] Dargis, Manohla: “Showdown in Gotham Town”. In: New York Times, 18. Juli 2008.

 

[iii] Friedrich, Andreas: Blade, in: Film-Dienst, Ausgabe 24/1998.

 

[iv]Scott, A.O.: “In Pursuit of a Long-Distance Romance, Abandoned Long Ago”, in: New York Times, 14. Mai, 2010.

 

[v] Vgl.Jeßing, Benedikt/Köhnen, Ralph: Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, Stuttgart 2003, S. 191.

 

[vi] Vgl. Busch, Werner: All That We See Or Seem..., Schnitt online.