Der ganze alte Schrott muss raus und lauter neuer Schrott muss rein...

Der ganze alte Schrott muss raus und lauter neuer Schrott muss rein...

– digitale Medien und das World Wide Web

Von Felix Zwinzscher


„Ebooks auf dem iPhone sind weit mehr als ein Hype […]“[i], verhallte der letzte Satz aus dem schweißnassen Alptraum des blassen Antiquars. Es war einer dieser Träume, die ihre Stimmung bis weit in den Tag hineintragen und einem langsam die Luft nehmen. Dem Buchhandel droht es in nicht all zu ferner Zukunft sehr schlecht zu gehen, ähnlich dem schon seit längerer Zeit am Boden liegenden Musikgeschäft und der seit neusten stark schwächelnden Filmbranche, denn der Trend zur medialen Digitalisierung hat nun auch das altehrwürdige Buch ergriffen, so der Alptraum. Dem romantischen Heideggerianer graut es natürlich bei der Vorstellung, dass kunstvoll gestaltete Buchrücken bald durch schnöde silbrig glänzende Plastikschalen ersetzt und nackte Wohnzimmerwände wieder mit Wandteppichen bedeckt werden müssen. Selbst Widmungen könnten bald nur noch in Emails mit angehängtem digitalen Buch zu lesen sein.

Noch findet er aber Trost in dem Wissen, dass eine Reihe nicht unerheblicher Probleme dieses Szenario noch verhindern könnte: So sind die verfügbaren Reader für E-Books noch nicht ausgereift[ii], für den durchschnittlich verdienenden Konsumenten zu teuer[iii] oder werden von diesem einfach nicht angenommen, da es noch an einem nachvollziehbaren Vertriebsnetzwerk und genügend digitalisierten Inhalt mangelt, vor allem in Deutschland. Und auch beim Kopierschutz gibt es Streit zwischen den Verlagen und Buchhändlern[iv].

Aber machen wir uns doch nichts vor, diese Probleme werden verschwinden wie der Betamax-Player aus dem Verbraucherhaushalt. Clevere Produktdesigner und Marketingstrategen werden in Kürze mit neuen, besseren und günstigeren Reader aufwarten, schon allein um nicht den nächsten Apple-Trend zu verpassen. Eines der momentan kursierenden Dateiformate (ePUB als momentaner Favorit, aber auch Mobipocket, pdf, LIT, txt und viele mehr) wird sich als Standard für digitale Bücher etablieren bzw. der zukünftig absatzstärkste Reader wird ein solches Format durchsetzten. Auch ein Kopierschutz, der das digitale Buch vor der Masse kriminalisierter Durchschnittskonsumenten im Internet retten soll, wird kommen. Wahrscheinlich in Form eines digitalen Wasserzeichens (dem sogenannten psychologischen DRM), wodurch sich das E-Book zum jeweilige Käufer zurück verfolgen lässt und daher auf weitere Nutzungseinschränkungen verzichtet werden kann. Und letztlich werden sich die Verlage und Buchhändler (in Deutschland auch noch der Staat und der Börsenverein deutscher Buchhändler, die beim Thema Buchpreisbindung und Mehrwertsteuer ein bürokratisches Bollwerk darstellen) auf einen vertretbaren Preis einigen, der dem Buch in seiner „rein“ digitalen Form Rechnung trägt. So ist es geschehen beim Sieg von Video über Betamax, mp3 über CD und so passiert es gerade langsam und schleichend beim Wechsel von DVD zu blu-ray. Das elektronische Buch wird auch nicht von einer Reihe bibliophiler Konsumenten mit Hang zum haptischen Leseerlebnis aufgehalten werden, dafür überwiegen die praktischen Aspekte einer 300-bändigen Bibliothek im Taschenformat.

Also finden wir uns damit ab!

In der Filmindustrie fand und findet weiter eine solche Digitalisierung statt, schon aus Kostengründen steigen viele Produktionen von physischem Filmmaterial auf HD Technologien um. Der Hype um das 3-D Kino macht digitale Aufnahmetechnik weiterhin unumgänglich und immer höhere Übertragungsleistungen im Internet erlauben den Austausch von Filmen als reine Software, in Zukunft auch in HD Qualität. Dieser Wandel geschieht bisher relativ gewaltfrei, die Gründe dafür sind analog zu den praktischen Vorteilen eines Ebooks. Das Filmmaterial ist einfacher zu transportieren und ermöglicht so zum Beispiel die Zusammenarbeit von Regisseuren, Editoren und Produzenten, die sich gleichzeitig in verschiedenen Städten und Ländern aufhalten. Derlei Entwicklungen erhöhen die Flexibilität eines Teams und senken Produktionskosten.

Die eigentliche Schwierigkeit, die neben den ästhetischen und romantischen Bedenken aus der Digitalisierung erwächst, ist der Vertrieb der Medien. Die Musikindustrie, die als erste damit konfrontiert wurde, steht noch immer vor dem Scherbenhaufen, der ihre digitale Zukunft sein sollte. Der CD Verkauf ist eingebrochen und bei der wirtschaftlichen Erschließung der Internets ist man immer zwei Schritte hinterher. Überhaupt zeigt sich das World-Wide-Web gallisch resistent gegen die imperialen Übergriffe medialer Großkonzerne und schafft sich immer wieder neue dezentrale Handelsrouten, die sich der kommerziellen Verwertung entziehen und Barrikaden unterwandern.

Auf diesen Wegen gelangen neuste Filme und Serien schneller in unkontrollierten Umlauf, als der Gesetzgeber darauf reagieren könnte. In Zukunft könnten so von Bestseller bis zu vergriffenen Raritäten alle Arten von Büchern an übereifrigen Buchhandelsketten und mufflige Antiquaren vorbeigeschleust werden. Erst heimlich, still und leise im elektronischen Untergrund innerhalb digitaler Lesezirkel wie eBookz.com (heute nicht mehr betrieben) und dann skandalträchtig öffentlich durch die großzügigen Urheber- und Datenschutzinterpreten von Google und ihrem Projekt Google Books, das zwar teilweise unterbunden wurde, aber erst nach erheblichem juristischen Aufwand. Da es sich jedoch beim E-Book, in seiner tatsächlich transportablen und lesbaren Form mittels dafür vorgesehen Reader, bisher um einen Nischenmarkt handelt und sich digitalisierte Bücher im kommerziell eher uninteressanten, wissenschaftlichen Bereich durchgesetzt haben, blieb der Ruf nach strenger Regulierung, anders als in der Filmbranche, noch weitgehend aus.

Trotzdem sollte man sich wohl mit dem Gedanken vertraut machen, dass das nicht immer so bleiben wird, ähnlich wie bei neusten Blockbustern, die teilweise schon vor dem eigentlichen Kinostart auf ominöse Weise in verschiedensten Foren landen: schon 48 Stunden nach der Veröffentlichung des letzten Harry-Potter Bandes gab es bereits gescannte Kopien im Internet. Das ist mit nicht unerheblichem Aufwand und einem bemerkenswerten Maß an Hingabe verbunden, umso mehr, wenn es das Scannen von knapp tausend Buchseiten bedeutet. Welche Motivation steckt hinter solcher, nicht nur unentgeltlicher sondern auch noch potenziell illegaler Anstrengung? Handelt es sich um reinen Altruismus, technischen Wetteifer gepaart mit der Zuschaustellung des eigenen Könnens, oder ist es gar ein Akt militanter Urheberrechtsgegner, die es auf das gesamte System abgesehen haben?

Dr. Friedrich Radmann, Justiziar bei Constantin Film, ist sich sicher, dass eben diese Verbreitung illegaler Filmkopien die Filmwirtschaft als solche bedrohe, unabhängig wodurch diese auch immer motiviert sind. In seinem Artikel „Kino.ko – Filmegucken kann Sünde sein“ liefert Radmann eine juristische Erklärung dafür, dass nicht nur das Hochladen von urheberrechtlich geschützten Filmen ins Internet rechtswidrig ist, sondern auch das Anschauen dieser Filme. Er spricht darin dem Besucher einschlägiger Streaming-Websites jegliche Unschuldsvermutung ab, da sich „[…] die offensichtliche Illegalität des dort bereitgehaltenen Angebots aufdränge[…], dies sowohl aufgrund des Gesamterscheinungsbildes der Seite wie auch des dort enthaltenen unendgeltlichen Filmangebots.“[v]

Die Berliner Piratenpartei, das potentielle politische Sprachrohr dieser User, hingegen fordert die beliebige Vervielfältigung immaterieller Güter zuzulassen und die „Kostenloskultur“ im Internet gar politisch zu fördern.[vi] Nun kann man von Radmann, im Gegensatz zur Piratenpartei, nicht verlangen, dass dieser ein Finanzierungsprojekt vorlegt, trotzdem muss sich auch die Filmindustrie im Klaren sein, dass eine reine Abwehrhaltung keine Daueroption darstellt. Beiden Ansätzen ist daher gemeinsam, dass sie sich bedeckt halten, wenn es um realistische Finanzierungsmodelle geht, die die Gesamtsituation in Betracht ziehen und also nicht einfach an einem Status quo festhalten wollen bzw. die kommerzielle Verwertung immaterielle Güter, unter Rückgriff auf die platonische Idee, komplett über Bord werfen.

Ein geeignetes Vertriebssystem?

Genau an diesem Punkt, bei Frage nach der Balance zwischen ideeller und kommerzieller Wertigkeit müssen die Überlegungen über die Zukunft aller digitaler Medien ansetzen. Die partielle Gleichheit, die das Internet bei der Verbreitung medialer Inhalte geschaffen hat, stellt gleichzeitig wieder die grundsätzliche Frage, nach dem Wert eben dieser Inhalte. Eine befriedigende philosophische Antwort darauf scheint aussichtslos, da alle Kriterien zur Bestimmung auf die eine oder andere Art und Weise anfechtbar sind. Doch vielleicht ist das System der Verlage und Produktionsfirmen, wie es im „alten“ physischen Markt existiert, nicht das schlechteste, insofern man eine pragmatische Lösung anstrebt. Besonders dann nicht, wenn man es in die Offenheit, die das Internet bietet, integriert. Es ist notwendig ein Vertriebssystem zu entwickeln, das für einen Verbraucher, der bisher an den kostenlosen - wenn auch illegalen - Zugriff auf Medien aller Art gewöhnt wurde, das gleichzeitig akzeptabel ist und trotzdem Anreize und Möglichkeiten für Urheber solcher Werke schafft ohne dabei die kreative Freiheiten des Internets nicht beeinträchtigen (das heißt nicht nur Anwendungen über firmeneigene Plattformen zu vertreiben oder nachwuchsfördernde Websites wie youtube.com in ihrer Offenheit zu beschneiden).

Zwar bietet das Internet die Freiheit Bücher selbst zu verlegen und eigene Filme zu vertreiben, aber ohne die Bereitschaft derlei Initiativen auch finanzielle zu unterstützen, wird diese Möglichkeit an sich selbst zu Grunde gehen.

So kann sich der Antiquar mit den Worten beruhigen, dass es auch in Zukunft nicht ganz ohne Verleger, Produzenten und eben auch ihn gehen wird.
 


[i] Volker Oppmann von textunes in einem Interview mit Telepolis vom 21.06.2010 (21.09.2010)

 

[ii] sieher hierzu folgenden Pressetext

 

[iii] Email-Korrespondenz mit Mirjam Berle von Thalia vom August 2010

 

[iv] Mirjam Berle für Thalia: „Insbesondere den strengen Kopierschutz halten wir für wenig kundenfreundlich.“ Damit dürfte der sogenannte DRM-Schutz (Digital Rights Management) gemeint sein, der bestimmte Kopier und Bearbeitungsfunktionen bei Ebooks unterbindet und damit die Nutzungsmöglichkeiten einschränkt.

 

[v] Dr. Friedrich Radmann, Kino.ko – Filmegucken kann Sünde sein. Zur Rechtswidrigkeit der Nutzung (offensichtlich) illegaler Streaming-Filmportale, in: ZUM (5) 2010, S. 387ff.

 

[vi] Thesen 5 und 6 der Berliner Piratenpartei auf dem Internetauftritt der Partei (letzter Zugriff 03.08.2010).