„West of the wall, I’ll wait for you“
Wieland Specks WESTLER
Auf die Frage, ob er das eigene Filmemachen vermisse, antwortete Wieland Speck kürzlich, dass für ihn heute das Panorama der Berlinale sein Regiewerk sei. Das Gespräch mit Wieland Speck war Anlass, seinen ersten und wohl auch bekanntesten Spielfilm erneut anzuschauen: den zum Klassiker gewordenen (den meisten allerdings nur vom Namen her bekannten) WESTLER aus dem Jahr 1985. Sieht man diesen Film heute aus der Distanz von über fünfundzwanzig Jahren, so gleicht er einer Reise in eine vergangene, ja untergegangene Welt: das geteilte Berlin, als Brennpunkt der auch im Großen in Ost und West geteilten Welt.
WESTLER beginnt fern im Westen, in Los Angeles, „der Stadt der betrogenen Hoffnung“, wie es im Film heißt. Zwei junge Männer cruisen im offenen Auto durch die Stadt, die Sonne scheint – natürlich. Wir sehen typische Bilder: verspiegelte Hochhäuser, Palmen, mehrspurige Autobahnen. Dann fährt das Paar an einer Reihe von Orten mit filmgeschichtlichen Assoziationen vorbei: dem Observatorium aus REBELS WITHOUT CAUSE (… DENN SIE WISSEN NICHT WAS SIE TUN) und dem übergroßen Berlinale-Bären in Griffith Park – seit 1982 arbeitete Speck ja bereits für das Panorama, das noch bis 1986 „Info-Schau“ hieß. Sie begegnen anderen gut aussehenden jungen Männern in Cabrios. „Das ist das Ende Amerikas“, sagt Bruce, während er schließlich auf den nächtlichen Pazifik zeigt. Er spricht von den Pionieren und ihrem nicht zu bremsenden Zug nach Westen. Dieser habe seinen Endpunkt erst in den Strandhäusern auf Stelzen gefunden, wie sie beispielsweise in Malibu stehen. Weiter westlich geht nicht mehr: schon halb im Wasser, halb im Pazifik, über das Ende Amerikas hinaus. Gleich zu Beginn ist somit die Westwärts-Bewegung als Thema angesprochen – und zugleich die damit verbundenen Sehnsüchte und Hoffnungen, die der Westen schon für die neu in Amerika Angekommenen angeblich bereithielt. Wie viele Goldsucher wurden schon damals bitter enttäuscht. WESTLER bewegt sich geografisch zwar gegenläufig von Westen nach Osten, von Los Angeles über Berlin nach Prag (und eventuell nach dem Ende noch weiter über Ungarn nach Jugoslawien). Die innere Bewegung der Protagonisten geht aber von Osten nach Westen, am stärksten im Wunsch von Thomas, dem „Ostler“, in den Westen auszureisen – wo alles möglich scheint. Aber auch der Amerikaner Bruce hat nach einer Woche Berlin genug und will schnell wieder ganz weit in den Westen – fünfundzwanzig Minuten bis Polen und fünf Stunden bis Westdeutschland findet er „zum Fürchten“.
Auch ein weiteres Motiv wird schon früh durch die kurze Los-Angeles-Episode angesprochen: das Thema der zwei unterschiedlichen Welten. Amerika ist für Felix, den „Westler“, auch eine fremde Welt und der amerikanische Freund Bruce betrachtet Berlin wie einen anderen Planeten. Ein Dialog im nächtlichen Los Angeles bringt die Differenz schlagwortartig auf den Punkt: „Für Amerikaner bedeutet eine Stadt Zukunft. Sie lieben an Ihr das, was sie noch werden kann.“ – „Für Europäer bedeutet eine Stadt vor allem Vergangenheit.“ Ostberlin ist für beide „Westler“ wiederum ziemlich fremd. Bruce will während seines Berlinbesuchs unbedingt beide Teile der Stadt sehen und überredet Felix zu dem Ausflug nach Ostberlin – der zu einem Kernstück des Films wird. Felix ist erst widerwillig, weil er den „Ärger mit den Preußen" scheut. Der Amerikaner hat zu Beginn des Films den Blick von außen und betrachtet alles mit dem erstaunten Blick des „Fremden“, der meint, ein Abenteuer zu erleben. So sagt er auch etwas naiv zu Thomas: „Du bist der erste Ostdeutsche, mit dem ich spreche. Das ist ein historischer Moment.“ Wir schauen heute mit einem verwandten Blick von außen auf das geteilte Berlin der Achtzigerjahre.
WESTLER erzählt von einer schwulen Liebe im geteilten Berlin, wo ein Ost- und ein Westberliner nicht zusammenkommen können. Der „Westler“ fährt so oft wie möglich nach Ostberlin, erregt dadurch aber den Argwohn der Behörden und muss nach einem Verhör den Namen seines Freundes preisgeben. Dieser ist aber sowieso schon unangenehm aufgefallen, wegen „Männergeschichten“, und weil er bereits einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Schließlich versucht Thomas, über Prag in den Westen zu kommen, mit einem eher abenteuerlich klingenden Plan: von Prag über Ungarn nach Jugoslawien und dann in den Westen. Ob diese Flucht gelingt, bleibt offen. Der nachdenklich-traurige Blick von Felix aus dem Hotelfenster in Prag – in dem der Freund und Fluchthelfer schon die Anweisungen für die kommende Nacht gibt – zeigt, dass er nicht wirklich an ein Gelingen der Flucht und somit eine gemeinsame Zukunft glaubt. Und der Film scheint hier die Position von Felix zu teilen.
Die schwule Thematik ist sicher von Bedeutung – und Wieland Speck berichtet auch über den „super Effekt“, dass es nach der Ausstrahlung von WESTLER eine Reihe von Coming-outs gegeben habe und er eine Reihe von Kopien an Psychologen und Psychiater verteilt hat, die mit den Familien der geouteten Söhne arbeiteten. Eine große Überraschung war damals, dass WESTLER eine positive Geschichte von Schwulen erzählt. Sonst waren die Schwulen am Ende von Filmen immer tot, brauchten Psychiater, oder seien sonst irgendwie unglückliche Wesen gewesen, so Wieland Speck. „Und in diesem Film sieht man diese Wesen eben nicht unglücklich, sondern das Unglück kommt ganz allein von außen.“ Die Homosexualität gerät im Verlauf des Films dann auch zunehmend in den Hintergrund, das „Unglück von außen“ wird immer wichtiger. Die zarte Liebe, ihr Entstehen und die Unmöglichkeit eines wirklichen Wachsens, wird einfühlsam beobachtet. Felix kann immer nur wenige Stunden zu Besuch sein, da er abends zur Arbeit im Theater muss – nur am freien Montag kann er bis Mitternacht bleiben, bevor sein Tagesvisum abläuft – die auch schon aus Udo Lindenbergs „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“ bekannte Geschichte mit dem Mädchen aus Ostberlin: „Eh, du musst ja spätestens um zwölf wieder drüben sein, sonst gibt’s die größten Nervereien – denn du hast ja nur ’n Tagesschein.“ Die beiden sehen sich selten und kurz, Telefonieren geht kaum und alle anderen schnellen Medien gab es noch nicht. Sie wissen meist nicht wirklich, wie es dem jeweils anderen geht – und leiden darunter.
Es geht in WESTLER ganz allgemein um die unmögliche Liebe in schwierigen Zeiten, über zwei politische Systeme und eine streng bewachte Grenze hinweg, durch eine geteilte Welt gefährdet. Der melancholische Film beschäftigt sich mit Unfreiheit und Sehnsüchten, im Osten wie im Westen. Offen bleibt, ob die Liebe ohne Mauer überhaupt einfacher gewesen wäre. Vielleicht ist die geteilte Stadt, die Mauer, auch ein Platzhalter für andere (nicht) zu überwindende Hindernisse und (unerfüllbare?) Wünsche und Sehnsüchte. Die Schwierigkeiten – insbesondere zuletzt die gemeinsamen Tage in Prag – erzeugen zudem auch eine besondere Stimmung, eine romantische womöglich, die auch ihre positiven Seiten hat. „Brauche ich die ganzen Komplikationen?”, fragt sich Felix vor seinem Flug nach Prag. Thomas gesteht einer Freundin: „Ich habe einfach nur Angst, mir das auszudenken, was ich wirklich will. Und ich ahne, das ist etwas, was ich hier nicht machen kann.“ Ob es im Westen so einfach werden wird, bleibt dahingestellt. In einer Bar in Westberlin singt Miss Sexy Ecstasy vor einem eben geflohenen Freund von Thomas das Lied der Hoffnung: „West of the wall, I‘ll wait for you. West of the wall, our dreams can all come true … west of the wall, where hearts are free …”
WESTLER hat einen entschieden autobiografischen Hintergrund, der im historischen Zusammenhang interessant ist. Wieland Speck hatte einen Freund in Ostberlin, der unbedingt die DDR verlassen wollte – Speck hatte ihn, wie im Film, an der Ecke Friedrichstraße / Unter den Linden kennengelernt und mit ihm auch im Film auftauchende Orte wie das Espresso oder die Schoppenstube besucht, beide längst verschwunden. Es war geplant, die Rolle des „Ostlers“ mit Specks Freund zu besetzen und auch in dessen Wohnung zu drehen. Die Hoffnung war, dass dieser dann nach der Ausstrahlung des Films im Fernsehen so unbeliebt und zur Unperson geworden sei, dass er ausgewiesen würde. Solche gezielten Provokationen hatten schon einige Male funktioniert. Wieland Specks Freund war dann aber schon vor den Dreharbeiten „rausgeflogen“ und durfte kurzfristig ausreisen – während Wieland Speck das Drehbuch fertigstellte. Das Projekt wäre deswegen wohl fast abgesagt worden, aber es hatte sich inzwischen schon so verdichtet und auch inhaltlich weiterentwickelt (zu einer „Romeo-und-Julio-Geschichte“), dass der Film auch ohne seine direkte „Funktion“ verwirklicht wurde.
Um einen solchen Film drehen zu können, waren sehr gute Vorbereitungen nötig. Viel Arbeit und genaue Planung stecken hinter den zentralen Aufnahmen, die wir aus Ostberlin zu sehen bekommen. Illegal in Ostberlin zu drehen, war nicht einfach zu machen und durchaus mit der Angst verbunden, im Gefängnis zu landen: Wieland Speck und sein Team reisten mit einer Super-8-Kamera ohne Ton nach Ostberlin – soweit war es noch legal. Aber vieles durfte nicht gefilmt werden, so zum Beispiel Bahnhöfe, Flughäfen, öffentliche Gebäude von innen etc. Das Team hatte sich für alle Fälle eine gemeinsame Geschichte zurechtgelegt – sie seien zu Besuch in Westberlin und wollten selbstverständlich auch die Hauptstadt der DDR sehen –, die sich dann auch als hilfreich erweisen sollte: die Filmcrew wurde von der Stasi überwacht. Als ein FDJ-Wagen mit Menschen in Uniform durchs Bild fuhr und gefilmt wurde, wurden sie festgenommen und verhört. Ihre glaubhafte Touristengeschichte trug dazu bei, dass sie bald entlassen wurden und auch den Film – ihr „Ferienfilmchen“ – zurückbekamen.
WESTLER ist heute nicht zuletzt ein Zeitdokument, eine Dokumentation über das geteilte Berlin, und auch wegen seiner Aufnahmen aus Ostberlin so sehenswert. Wir sehen die S-Bahn durch Brachen fahren, unrenovierte Altbauten (die Ecke Kastanienallee / Oderberger Straße ist kaum wiederzuerkennen), das Kaufhaus „Centrum am Alex“ (diese Aufnahmen waren eine kleine Sensation, denn es war illegal, hier zu drehen), Schwulenbars der Achtzigerjahre, den Flughafen Schönefeld (auch hier waren Aufnahmen streng verboten), den Palast der Republik … Allein das Straßenbild ist faszinierend, und in den stummen Szenen gibt es viel an Kleidern, Frisuren, Autos, Imbissen, Telefonen, Plattenspielern und vielem mehr zu entdecken – auch im Westen. Die Bilder aus Ostberlin besitzen einen seltenen dokumentarischen Wert, der den Filmemachern so 1985 wohl nicht bewusst war.
Da doch nicht in der Wohnung von Wieland Specks Freund gedreht werden konnte, wurden die Innenaufnahmen der Wohnung schließlich im Westen gedreht. Um Thomas’ Wohnung aber möglichst realistisch aussehen zu lassen – und um ein Bild vom Osten zu malen, dass auch im Osten angenommen werden konnte –, hat Wieland Speck viele Ostprodukte wie Waschmittel in mühsamer Arbeit einzeln über die Grenze geschmuggelt. Mit Erfolg, denn es entsteht ein natürlich wirkendes, sehr überzeugendes Bild – im Vergleich dazu wirkt doch vieles, insbesondere in neueren Filmen wie beispielsweise DAS LEBEN DER ANDEREN, recht „ausgestattet“. In WESTLER ist es möglich, für gut neunzig Minuten in das geteilte Berlin einzutauchen und sich in den Achtzigerjahren zu fühlen. Kaum ein anderer Film schildert die Situation an den Grenzübergängen überzeugender, fängt diese klaustrophobische Stimmung am Bahnhof Friedrichstraße besser ein und zeigt das oft schwierige Leben über die Mauer hinweg. Wie weit Ost- von Westberlin entfernt war, wird an kleinen Details deutlich: Thomas hat kein Telefon und muss Felix von einem Hotel aus anrufen – dafür muss erst eine „Fernleitung“ hergestellt werden. Felix beklagt sich anschließend über die schlechte Verbindung: „Das rauscht ja wie Übersee.“ Schaut man WESTLER, wird deutlich, wie sehr sich Berlin doch auf beiden Seiten verändert hat: die Zeit der „Wohnkombinate“, von Zazie de Paris und Nina-Hagen ist ebenso verschwunden wie die Hauptstadt der DDR – und die S-Bahn fährt auch wieder von Potsdam über Wannsee bis nach Ahrendfelde durch. Die warme und auch historisch aussehende Super-8-Farbigkeit und die kleine Handkamera tragen das ihre zu dem intensiven Gefühl bei, dass man in diesem Film Zeit sehen, ihr beim Vergehen zuschauen kann.
„Ich komme wieder ... und vielleicht geht’s auch irgendwann mal ohne Nervereien. Da muss doch auf die Dauer was zu machen sein. Ich hoffe, dass die Jungs das nun bald in Ordnung bringen. Denn wir wollen doch einfach nur zusammen sein. Vielleicht auch mal etwas länger, vielleicht auch mal etwas enger. Wir wollen doch einfach nur zusammen sein.“ Einiges haben die Jungs ja inzwischen in Ordnung gebracht, wie Udo Lindenberg es sich gewünscht hat. Ob es nun aber ganz ohne Nervereien geht, wer weiß.
Quelle:
Doppel-DVD WESTLER der Edition Salzgeber (Gay Classics, D 169), 2006. Dort findet sich auch ein Kommentar von Wieland Speck zum Film, aus dem die Zitate stammen.