Eine bereichernde Verstörung
ULRICH SEIDL und das PARADIES
Robert Bresson wusste es: „Die nackte Wahrheit wird nicht allein von sich aus Wahres ergeben.“[1] Nicht jede Dunkelheit wird von sich aus düster sein. Nicht jeder Abgrund ist abgründig. Häufig handelt das Kino von den unangenehmsten Seiten des Lebens, erzählt Geschichten von Mord, Krankheit und Trauer. Doch diese höllischen Fluchtlinien werden allzu oft durch das Spektakel und die süße Illusion entschärft. Der Schrecken unterhält, ohne zu schrecken. Das Kino entwirft in solchen Fällen Momente, ohne den Zuschauer auf sich selbst zurückzuwerfen. Die Tränen, der Ekel und die Entrüstung verbleiben lediglich antrainierte Reaktionen einer Kinoerfahrung, bleiben an der unterhaltenden Oberfläche. Zwei Stunden zieht man sich in einen narrativen Raum zurück, um dem Alltag zu entfliehen und in eine fremde Welt einzutauchen. Kein Senkblei, das in unsere eigenen Abgründe hinabgelassen wird und den leichten Schauer unerträglich werden lässt. Es sind und bleiben die Anderen die sterben, vergewaltigen und leiden – wir sehen lediglich zu, schließlich ist es nur ein Film. So lautete die damals noch subversive Losung im Trailer von Wes Cravens Rape and Revenge Klassiker THE LAST HOUSE ON THE LEFT (1972) – "To avoid fainting, keep repeating: it’s only a movie". Heute in ihr narkotisches Gegenteil umgekippt, löst sie keine Neugierde mehr aus, wird Teil der Maschinerie. Es ist doch nur ein Film. Damit die Wahrheit auch als Wahrheit erfahrbar wird, damit das Bild wirklich schreckt, bedarf es immer einer Form, die den Inhalt unerträglich macht. Unerbitterliches Kino, in dem so etwas wie eine Erschütterungsästhetik die Dunkelheit verdunkelt.
EIN KINO DER UNLUST
Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl gehört nun zu denjenigen Regisseuren des Erschütterungskinos, die diesem eben skizzierten Lustkino ein Kino der Unlust entgegensetzen. Seidls Bilder haben eine unerträgliche Brutalität. Den schmerzlichen Fluchtlinien wird bis an das Ende gefolgt, die Illusion unterlaufen und das Spektakel der Spaß ausgetrieben. Das Senkblei fährt bis ins Fleisch. Konsequent wird in diesen Filmen gegen den Rhythmus des Sehens gearbeitet, der an der Sache vorbeisehen lässt. Jede Szene, jede Geste bleibt länger stehen, bekommt eine eigene Dauer. Daran ist man kaum mehr gewohnt. Die Ökonomie der Schnitte hat es ausgetrieben – der schnelle Schnitt trägt das Spektakel. Im Kino von Ulrich Seidl wird das Ungeschönte nicht zerschnitten. Seine Dokumentation TIERISCHE LIEBE (1995) erregte genau deswegen den Ärger der Kinogänger und vor allem den Zorn des ORF, welcher den Film mitfinanziert hat. Darin werden Tierhalter porträtiert, bei denen die Grenze zwischen Sodomie und Tierliebe nicht mehr klar zu unterscheiden ist. In erschütternder Drastik wird deutlich, wie sehr die Tiere zu passiven Surrogaten nicht erfüllter Träume werden und in den ärmlichen Wohnvierteln Wiens nicht nur eine Wunde klafft. Man könnte sagen, Seidls Filme entfalten eine Permanenz des Unerträglichen, die den Kinobesuch zu einer echten Tortur werden lässt. Ein nachhallender Schmerz, ein echter Seh -, kein bloßer Phantomschmerz.
IMPORT /EXPORT (2007) beleuchtet Grenzübertritte und Hoffnungsräume zwischen Österreich und der Ukraine. Die Währung mit der letztlich bezahlt wird ist das nackte Leben, das gerade-mal-noch-so-Leben. Eine unerträgliche Tristesse treibt die junge Krankenschwester Olga dazu, ihr Kind in der Ukraine zurückzulassen. Nach erniedrigenden Versuchen als Camgirl, sucht sie ihr Glück in einem konsequent grau inszenierten Österreich. Der junge Österreicher Paul geht den anderen Weg. Als er seinen Job beim Wachdienst verliert, fährt er mit seinem Stiefvater in die Ukraine. Schulden sitzen ihm im Nacken. Doch nicht einmal die verzweifelte Hoffnung des anderen Landes hat in diesem Film bestand. Selbst die Momente der Leichtigkeit, als Olga mit einem alten Patienten im Keller eines Krankenhauses tanzt, bleiben flüchtig, von Bitterkeit durchzogen. Auf beiden Seiten, in beiden Ländern – Warenhandel, Einsamkeit und Gewalt. Alles was sich ändert ist der Markt und mit ihm die Nachfrage. Der Import ist immer auch ein Export – irgendetwas geht immer verloren auf dem Weg und nicht selten die eigene Würde. Die Narration wird in Seidls Spielfilmen dazu benutzt, die Phänomene selbst – Gewalt, Trauer, Einsamkeit – herauszuschälen. Sie ist ein Mittel zum Zweck, um unserer Gesellschaft das schöne Fleisch von den Knochen zu ätzen. An Stelle einer tröstenden Geschichte, mit einem versöhnenden Ende, wird das, was sich darunter verbirgt, durch die Narration selbst eingelöst.
Ähnlich wie sein Kollege Michael Haneke, muss sich Seidl dabei gegen die Vorwürfe des Zynismus wehren. Ein Sozialvoyeur sei er, nutze das Leid der Anderen im Namen der Kunst aus. Besonders laut wurden diese Stimmen, als er bei IMPORT/EXPORT mit echten Geriatriepatienten arbeitete und deren langsames Dahinsterben unerbittlich abfilmte. Nichts an dieser Kritik ist aber wirklich ernst zu nehmen. Hinter der humanistischen Anklage, hinter dieser moralischen Entrüstung, pocht der Unwille, der Wahrheit dieser Bilder in die Augen zu sehen. Die Welt schmerzt und die Aufgabe des Films ist es, diesen Schmerz erfahrbar zu machen. Der Schriftsteller Wojciech Kuczok schreibt in seinem Buch HÖLLISCHES KINO[2], dass er im Kino die Kraft der Berührung suche: „Der Schmerz, der dem Protagonisten zugefügt wird, soll auch der Schmerz des Zuschauers sein.“[3] Bei Seidl wird der Rahmen noch ein wenig weiter gespannt. Auch sein Kino ist ein höllisches Kino, doch sollen es die gesellschaftlichen Missstände sein, die hinter den Protagonisten aufscheinen, die durch deren Schmerz aufgedeckt werden. Jeder einzelne Zuschauer ist ein Teil dieser Mechanismen.
KINO & KIRCHE
Durch die Bildern, die einen nicht mehr so schnell loslassen, entsteht eine bereichernden Verstörung, die den Zuschauer dazu zwingt sich mit seiner Welt auseinander zu setzen. Er soll hinter die glitzernde Fassade blicken. Das ist die Aufgabe des Films, dafür ist er da – Kino als Medium der Offenbarung. Das Kino ist der Kirche nicht unähnlich – ach sagen wir doch: das Kino ist die moderne Kirche. Es übernimmt eine läuternde Funktion. Der große Unterschied ist nur, dass Seidl, im Gegensatz zur Kirche, den Humor nicht vergessen hat. Wenngleich dieser Humor immer ein düsteres Timbre anschlägt. Er ist eine Schneise, in ihm ist das Gegenteil immer schon mitgedacht. Im Zentrum steht unweigerlich die ungewollte, andere Wahrheit hinter der heilen Welt: "Die Welt ist schlimm, aber wartet nur: Sie ist noch viel schlimmer." Diese wird ins bewegte Bild gezerrt. Doch niemals plump, immer mit einer poetischen Eleganz, die eben genau deshalb so sehr schmerzt. Robert Bresson wusste das auf seine Weise. Lars-Olav Beier bringt die seidl’sche Poetik in seinem Artikel über IMPORT/EXPORT besonders anschaulich auf den Punkt:
„Wenn eine Frau die Finger der Putzfrau Olga umklammert, die in Gummihandschuhen stecken, spürt der Zuschauer fast physisch, wie händeringend hier jemand nach menschlicher Wärme sucht. Wenn mehrere Frauen in einem Krankenzimmer, jede für sich eingeschlossen in eine Blase aus Erinnerungsfetzen und Phantasien, vor sich hinsummen und -brabbeln und eine Sinfonie des Alters entsteht mit einer Partitur aus den Wörtern Tod, Gott und Coca-Cola, ist das eine der eindringlichsten Sequenzen des Kinos der letzten Jahre.“[4]
Man wird ergriffen. Das ist es. Ergriffen von einem Schmerz, der zu einem selbst gehört und nicht an eine Figur im Film abgegeben werden kann. Keine oberflächliche Reaktion, keine abprobierte Tränengeste. Der Stich geht tiefer. Zumal Seidl konsequent mit realen Personen und Schauspielern arbeitet. Damit wird der betäubenden Sicherheit der Fiktion ein Schlag verpasst, der sie aus dem Gleichgewicht bringt. Immer zwischen Fiktion und Dokumentation balancierend und daher eben Dokumente der sensiblen Gefühlswelten, der Unsicherheiten. Wer kann dann schon noch genau wissen, dass das, was er da sieht, nicht doch echt ist, oder es zumindest für diese Person ein reales Umfeld sein könnte? Der Körper, die Physis einer Person wird zum Bürgen einer Möglichkeit von Wirklichkeit. Insofern trifft es der Begriff Sozialporno ganz gut – aber nicht so, nicht diffamierend, wie es die Kritiker gerne sehen würden. Will der Porno die Lust des Zuschauers, so ist das Mittel der Inszenierung hier auf das Gegenteil ausgerichtet: Unlust, aber eine zum Denken anregende.
Keine Meinung verstellt die Hölle. Am Beispiel der Dokumentation JESUS, DU WEISST (2003) lässt sich dies deutlich zeigen. Ein Frame, eine Person, ein persönliches Gebet. Zu Jesus kann man ehrlich sein. Die Menschen sprechen ihre Gebete als seien sie alleine. Seidl wertet in keinem Moment über die Äußerungen. Er lässt die Kamera laufen und gibt seinen Charakteren den Raum, sich in der Logik ihrer Geschichten zu verhalten. Er macht sich nicht über sie lustig. Natürlich bleibt dabei immer ein Rest an Inszenierung bestehen. Dieser ist aber letztlich nichts anderes, als eine Konstellationen von realen Möglichkeiten. Wenn die Zuschauer das Kino verlassen, dann tun sie es nach einem Film von Seidl mit dem unguten Gefühl, das die Welt, die man gerade auf der Leinwand gesehen hat, auch die ihrige ist.
Mit PARADIES: LIEBE (2013) erweitert sich nun das Oeuvre indem es sich auch irgendwie nicht erweitert. Immer noch steht eine kraftvolle Hoffnung im Zentrum der Aufmerksamkeit. Eine Hoffnung die in ihr Gegenteil kippt. Eine 50-jährige Wienerin fährt als Sextouristin nach Kenia. Sie sucht nach Liebe. Ihr Körper unförmig und verlebt. Zunächst scheint es so, als würde sie so etwas wie Liebe erleben können. Zumindest für sie scheint es so, nur um dann jäh festzustellen, dass jedes Paradies einen kehrseitigen Preis hat. Wie sich die Hoffnung der schwarzen Männer und die Hoffnung der reichen Frau ineinander drehen und der Traum zu einem lächerlichen Fiebertraum wird – all das ist erneut mit einer Härte inszeniert, die im Kino als nötiges Korrektiv wider den Befindlichkeitsfilmen zu sehen ist. Wie diese dicken weißen Frauen auf ihren Klappstühlen sitzen und über die „Neger“ sprechen, das hat schon etwas von verzweifelter Lächerlichkeit. Doch gibt es hier nicht mehr die einfache Täterin - die Rassistin oder Pseudo-Kolonialherrin - und das arme Opfer. Erneut: Es ist das System, die Logik, welche den weiblichen Sextourismus erst ermöglicht, der in eben jener Lächerlichkeit aufscheint.
Zwei weitere Mal wird Seidl das Paradies beleuchten. Aus dem ursprünglichen Projekt, was für den Regisseur immer nur eine Ausgangsidee ist, die dann mutiert und austreibt, sind drei Filme geworden. Nach PARADIES: LIEBE werden PARADIES: GLAUBE und PARADIES: HOFFNUNG folgen. Liebe/ Glaube/ Hoffnung – vielleicht sind das die Grundtugenden einer Religion die sich Kino nennt. Nur wenn man die Dialektik dieser Tugenden zulässt, Grausamkeiten, mit denen sie verstrickt sind, nur dann kann das Kino seine Wucht entfalten und über das Spektakel hinausgehen. Ulrich Seidls Kino macht das mit einer Handschrift, die unverkennbar ist und die der Verstörung eine Bereicherung attribuiert.
Weiterführende Links:
Ausschnitt aus Jesus, du weißt
Grotesk-bitterer Humor; Ausschnitt aus Import/Export
Trailer für Paradies: Liebe
Trailer für The Last House on the Left
[1] Bresson, Robert: Notizen zum Kinematographen. Berlin 2007, S.86.
[2] Kuczok, Wojciech: Höllisches Kino: Über Pasolini und andere. Frankfurt am Main 2008.
[3] Ebd. Buchrücken.
[4] Beier, Lars-Olav: Der Hingucker. Auf: Spiegel online
