Spieltheorie oder die Regeln des Zufalls
TOM TYKWER und der Zufall
Von Felix Zwinzscher
„Gott würfelt nicht.“ erklärte Albert Einstein, als Reaktion auf die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie 1927. Dort hatten Niels Bohr und Werner Heisenberg dem Zufall einen festen Platz in der modernen Physik eingeräumt. Doch der hatte in Einsteins Weltbild kein Platz. Der einzige Grund, dass es dem Menschen noch nicht möglich war die Zukunft vorherzusagen, lag seiner Meinung nach, ausschließlich in der Unfähigkeit alle notwendigen Variablen zu kennen.
Zufall im Film
Tom Tykwer hingegen scheint diese wundersam chaotische Macht des Alltags sehr am Herzen zu liegen. Seine filmischen Welten und diegetischen Realitäten sind geprägt von zufälligen Zusammentreffen oder eben Nicht-Zusammentreffen von Ereignissen und Personen. Nicht nur in seinem ersten internationalen Kinoerfolg LOLA RENNT(1998) kommt dem Zufall eine Hauptrolle zu, sondern auch in vielen späteren Filmen wird er als treibende bzw. initiierende Kraft der Geschichte inszeniert. In DER KRIEGER UND DIE KAISERIN (2000) führt eine unglückliche Verkettung von Zufällen zu einem Unfall und damit zur ersten Begegnung der Protagonisten, in HEAVEN (2002) macht der Zufall Philippa (Cate Blanchett) zur Mörderin dreier unschuldiger Menschen und in seinem neuen Film DREI verhilft zufällig eine gemeinsame Affäre einer Dauerbeziehung zu neuem Glück. Tykwer versteckt den Zufall im Detail des Alltags, im Zu-Spät-Kommen, im Stolpern oder einfach nur im Zusammenstoßen zweier Menschen. Und immer entsteht daraus der Kern einer Geschichte, die das Leben aller Beteiligten verändern wird.
Zufall und Schicksal
Einsteins Glauben an eine deterministisch bestimmte Welt, an einen Weltlauf nach ehernen Gesetzen und eine im Grunde genommen vorherbestimmte Zukunft, wirkt in gewisser Weise tief religiös. Vor dem wissenschaftlichen Begriff des Determinismus stand das sakrale Schicksal, das Wirken Gottes im Verlauf eines menschlichen Lebens und der Weltgeschichte überhaupt. Tykwer wehrt sich gegen diese Zwangs-Assoziation von Zufall und Schicksal: „Ich hab überhaupt kein sakrales Verhältnis zum Schicksalsbegriff. Ich finde das profaner und ich mag das Profane daran. Der Schicksalsbegriff ist überstrapaziert.“ Er sucht den Zufall ohne den Pomp des Sakralen und doch sind die Zufälle in seinen Filmen überaus schöpferisch. Immer wieder sind sie der Ausgangspunkt von fast schon übermenschlichen Beziehungen, in denen die Partner bereit sind alle möglichen Opfer für einander zu bringen. Es sind fast immer die Schlussszenen, bei denen sich beim Zuschauer die Frage nach dem Schicksal geradezu aufdrängt. Die Enden von Tykwers Filmen lassen nicht an Profanität denken, sondern an Wunder, oder eben gerade Schicksal.
Aber vielleicht ist es der dialektische Charakter des Zufalls, der ihn in unserem Denken fest an den sakralen Determinismus bindet. Krzysztof Kieslowski, auf dessen Drehbuch HEAVEN basiert und an den LOLA RENNT eine Hommage ist, hat diesen Charakter in seinem Kultfilm DER ZUFALL MÖGLICHERWEISE (PRZYPADEK) (1981) dadurch veranschaulicht, dass am Ende jedes möglichen Szenarios immer das Flugzeug auf Witek (Bogusław Linda) wartet und damit sein Tod. „Das Flugzeug wartet auf alle drei. Alle drei Leben gehen im Flugzeug zu Ende. Das Flugzeug wartet ständig auf ihn. Eigentlich wartet es auf uns alle.“
Die Grenze des Zufalls
Der Zufall wird am Ende aller Tage wieder von einer Konstanten eingeholt. Das dialektische Prinzip des Zufalls ist dabei nicht ohne den Gegenpol des Schicksals zu denken. Kieslowski trägt dem Rechnung, indem er am Ende auf alle drei Varianten Witeks Lebens ein explodierendes Flugzeug warten lässt. Bei Tykwer hingegen steht am Ende die Liebe, oder doch immerhin ein Leben in unausgesprochener Zweisamkeit. In seinen Filmen bringt der Zufall die Menschen zusammen, so dass sie gemeinsam dem Sonnenunterngang entgegenlaufen können – meist zu zweit, wie bei LOLA RENNT, DER KRIEGER UND DIE KAISERIN; HEAVEN, oder auch mal als Liebe zu dritt, wie in seinem neuen Werk DREI – ist das noch Zufall oder schon Schicksal? Bei Liebesthemen wird der Mensch ja sentimental und vergisst ganz schnell seinen Darwin...
Filmquellen:
Krzysztof Kieslowski, Der Zufall – möglicherweise, 114 min., 1981.
Tom Tykwer, Lola Rennt, 81 min., 1998.
Tom Tykwer, Der Krieger und die Kaiserin, 135 min., 2000.
Tom Tykwer, Heaven, 97 min., 2002.
Tom Tykwer, Drei, 119 min., 2010.
Weiterführende Links:
Interview mit Krzysztof Kieslowski in der tageszeitung vom 26.01.1989.
