Private Kunst
SHIRIN NESHAT und das Spannungsfeld zwischen Kunst, Politik und Privatheit
von Felix Zwinzscher
Die Arbeiten Shirin Neshats sind ein Ringen mit der eigenen Identität am Abgrund der politischen Realität. Ein Kampf, der die innere Privatheit in die Sphäre des politischen Interesses rückt, unabhängig jedweder bewussten Entscheidung. „Der bloße Umstand Iranerin zu sein, macht mich zu einer politischen Künstlerin.“
Geboren wurde Shirin Neshat 1957 in Qazvin im nördlichen Iran in eine liberale pro-westliche Familie hinein. Sie besuchte ein katholisches Internat in Teheran, obwohl die Familie muslimisch war. Mit 17 Jahren verließ sie den Iran, um in den USA Kunst zu studieren und kehrte erst in den 1990er Jahren in einen durch die islamische Revolution völlig veränderten Iran zurück.
Ihre Kindheit erlebte sie in einem durch den Kalten Krieg politisch zerrissenem Land, das zwischen den Fronten zweier Weltsysteme versuchte eine eigene unabhängige muslimische Identität zu entwickeln. Diese Identität wurde 20 Jahre später durch das theistische Regime des Ayatollah Chomenei über die iranische Gesellschaft gestülpt. Ein Teil dieser Identität wurde die massive Ablehnung der westlichen Lebensform und die Erklärung der westlichen Welt zum Feind der islamischen Republik. Im Zentrum dieser westlichen Welt, den Vereinigten Staaten von Amerika, wird ihre Kunst zur Heimatsuche einer Entwurzelten, zum Verbindungsstück zwei diametral entgegengesetzten Weltbildern und entwickelt so eine neue Dimension.
Fotografie
1993 wird Shirin Neshat durch ihre Fotoreihe WOMEN OF ALLAH zur Spionin wider Willen. Bei den Photographien handelt es sich um Porträts bewaffneter Frauen verhüllt im iranischen Ganzkörperschleier, der Tschador. Die Exiliranerin taucht ausgestattet mit der Brille westlicher Bildung in der Tradition der aufgeklärten Kritik ein in das Leben im muslimischen Gottesstaat und bestätigt die Befürchtungen der westlichen Betrachter: der Islam ist eine Religion der Unterdrückung und der Gewalt. Und doch künden jene Porträts noch von etwas anderem, indem sie eine fast mystische Ebene eröffnen: Die unbedeckten Körperteile der Frauen sind überzogen mit Linien und Mustern, dabei handelt es sich um Gedichte iranischer Lyrikerinnen in der Landessprache Farsi. Ein Code den kaum einer der Betrachter verstehen wird, denn Neshats Werke finden so gut wie nie den Weg in die iranische Heimat. In den Augen des Regimes ist sie eine Verräterin. Dabei liegt es ihr fern, sich gegen ihr Heimatland zu stellen, ganz im Gegenteil, der Iran steht im Zentrum ihres Schaffens, nur eben nicht der Iran von heute. Es sind Kindheits- und Jugenderinnerungen, die in ihrem Werk abgespeichert sind, die Zeit im Schoße einer intakten Familie, die sich wie ein Schleier um das Bild ihrer Heimat legt und sie in mystifizierter Weise in ihrem Schaffen zu Tage treten lässt. Einerseits ist hier also der analytische Blick der Westlerin, der das radikal unterdrückende theistische Regime sieht und andererseits ist da die kindliche Seele, die sich an die poetische Sprache ihrer Heimat erinnert.
Videokunst
Ein ganz ähnliches Motiv findet sich in einigen von Neshats Videoinstallationen. So zum Beispiel in TURBULENT (1998), einer Schwarz-Weiß-Installation auf zwei Bildschirmen. Der erste Bildschirm zeigt in einer statischen Kameraeinstellung einen Mann, der vor einer Gruppe identisch gekleideter männlicher Zuschauer ein persisches Liebeslied aus dem 13. Jahrhundert singt und am Ende von den Zuschauern tosenden Beifall erhält. Dem gegenüber auf dem zweiten Schirm beginnt anschließend eine verschleierte Frau in einem ähnlichen aber leeren Saal mit einer Art Gesang ohne Worte, während die Kamera unbeständig um sie herum kreist. Hier zeigt der westliche Blick Shirin Neshats eine ihr fremde Gesellschaftsform. Sie verdeutlicht die Trennung der Geschlechtersphären in der iranischen Gesellschaft und deren Auswirkungen auf die Rolle der Frau. Sie scheint isoliert, sprachlos und verzweifelt. Neshat zeichnet ein hoffnungsloses Bild, denn selbst wenn die Frauen im Iran eine Stimme finden würden, so würde diese ungehört im leeren Saal verhallen. Auch hier entsteht nichts eigentlich Unerwartetes für den westlichen Betrachter. Und doch ist sie wieder da, die mystische Sprache, ein Liebeslied aus vergangener Zeit, ein Gesang mit solcher Hingabe, dass er auch ohne Textverständnis berührt. Es ist eine Ausdrucksform, die den Frauen in der iranischen Gesellschaft vorenthalten bleibt. Das ist nicht subtil. Aber muss es das unbedingt sein?
Film
Die Verbindung aus Mystik und Ästhetik findet sich auch in ihrem, 2009 bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführten, ersten Langspielfilm WOMEN WITHOUT MEN. Ein Drama um vier Frauen im Iran im Jahr des anglo-amerikanischen Putsches 1953. Die ungleichen Lebenswege dieser Frauen kreuzen sich in einem exotischen Garten vor den Toren Teherans, der für sie zur Zufluchtsstätte wird. Ein Weg raus aus einer Welt, in der sie nicht als die wahrgenommen werden, die sie eigentlich sein wollen, ein Ausstieg aus den Zwängen ihres täglichen Lebens. In diesem Garten befinden sie sich in einem kurzzeitigen Schwebezustand, frei von aller Verantwortung. Auf den ersten Blick wendet sich Shirin Neshat hier erneut der Problematik des islamisch-iranischen Frauenbildes zu. Doch gleichzeitig thematisiert sie die Identitätssuche der einzelnen Frauen, eine Suche auf der sie sich selbst seit Jahrzehnten befindet. Auf einmal wird hier also jene Triebfeder aufgedeckt, die bisher den Dualismus zwischen der Kritik der westlichen Shirin Neshat und der heimatsuchenden, sich erinnernden Shirin Neshat aufrechterhielt. Zwar lässt der Film mit seinem düsteren Tonfall noch keinen Schluss darauf zu, welche Seite in Neshat die Oberhand gewonnen hat – die dunkle Mystik, die im Tod die Befreiung findet oder die nüchterne Analyse der Geschichte, die ein hartes Urteil fällt – und doch verrät er zu viel. Indem die Künstlerin ihre innere Zerrissenheit bewusst thematisiert und versucht sie künstlich zu überhöhen, erstarrt die Leichtigkeit und Rohheit ihrer bisherigen Arbeiten, die sich aus eben jener Zerrissenheit nährten.
Privat und Politisch
Shirin Neshats Werk lebt von der Spannung, die der innere Kampf in ihr auslöst und in ihren Werken nach außen tritt. Aber ihre Kunst lebt auch, und nicht unbedingt weniger davon, worauf sie in diesem Außen trifft. Angenommen sie wäre in Großbritannien geboren und mit 17 nach Deutschland gekommen, dann wäre ihre Kunst eine private Suche geblieben, nicht notwendig uninteressanter aber doch weniger brisant.
Die 90er Jahre, in denen Neshat Bekanntheit erlangte, sahen nicht nur das Ende des Kalten Kriegs, sondern auch den Anfang eines neuen Konflikts. Mit dem ersten Anschlag auf das World Trade Center in New York 1993 durch islamische Terroristen begann ein neuer Kulturkampf, der bis heute anhält. Ein Kampf in dem es nicht um Territorien geht, sondern um die „richtige“ Lebensform. Ein Kampf, der mit Bomben und Bildern geführt wird. Und Shirin Neshat steht irgendwo dazwischen. Ihre persönlichen Versuche eines Selbstverständnisses sind aufgrund ihrer Herkunft und ihres Wohnsitzes politisch. Aber das Politische wird von außen an ihre Kunst herangetragen. Es kommt nicht aus ihr, sondern ist Teil der Rezeption, Teil einer eigentlich persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst. Sie ist eine politische Künstlerin ohne dass sie gefragt wurde.Die historischen Umstände haben sie dazu gemacht und genau darin liegt das Bewegende ihrer Arbeiten. Eine bewusste Entscheidung für die Politik würde ihrer Kunst die existentialistische Kraft nehmen, die sich in der Auseinandersetzung mit einem selbst entwickelt und erstarren, wenn sie mit den Details und Empfindlichkeiten der Realpolitik zusammenstößt.
Filmquellen:
Shirin Neshat, Turbulent, 10 min., 1998.
Shirin Neshat, Women without Men, 95 min., 2009.
Weiterführende Links:
Videoinstallation TURBULENT