Sylvie (Klaus Lemke, 1973)
von Dominik Graf
SYLVIE ist Sylvie Winter: Elfe, Model, ebenso freßsüchtig wie verstört, unbedingt liebenswert, irgendwie luxuriös mit bayrischem Singsang in der Stimme. Eine Provinz-Göttin, in diesem Film wie ganz allein auf der Welt. Unterwegs in Flughäfen und auf bescheuerten Fotoshootings. »Wissen Sie, eigentlich bin ich Seemann«, sagt der Taxifahrer (Paul Lyss) in München mitten in der Nacht zu ihr – weil er den Weg nach Grünwald nicht findet. Und ein Melodram der Unmöglichkeit zwischen den beiden beginnt. Sie ist betrunken in seinem Taxi eingeschlafen, auf dem Weg zu einem reichen Mann (Ivan Desny), den sie am Nachmittag im Flugzeug kennengelernt hat und der sie heiraten will. Sie kommt nie bei ihm an. Sylvie – das ist das »Kleine Fernsehspiel« der 1970er, wie es schöner nie war: leicht, melancholisch, liebevoll. Und irgendwann in der Mitte des Films kommt exakt der Augenblick, in dem man vor 35 Jahren nachts zufällig in den Film hineingeschaltet hatte – und man erkennt den Moment im selben Augenblick schon wieder und erinnert sich, daß man in das Mädchen Sylvie danach für einen Tag lang verknallt war.
Der Cutter hat bei Klaus Lemke dauernd zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen: einerseits den Film zu bewachen, daß er nicht auseinanderfliegt, und andererseits ständig den Rhythmus all der faszinierenden Einzelsequenzen in sich stimmig zu halten. Er muß die Szenen ausdehnen oder kürzen, je nachdem, und das beides immer im richtigen Moment, so daß man den grandiosen Figuren immer weiter folgen will ins Labyrinth von Lemkes Erzählungen von unmöglichen Begegnungen. Przygoddas Schnitt bei Lemke [außer SYLVIE noch beim berühmten PAUL (1974), bei TEENAGERLIEBE (1975) und LIEBE, SO SCHÖN WIE LIEBE (1972)] macht die Filme weicher, sanfter als sonst. Er mildert manchmal die Grobheiten von Lemkes tollen Zeitsprüngen, und er liebt sichtlich die Figuren mehr als alles andere. Wenn Sylvie ihrem Taxifahrer zuschaut, wie er sich von nächtlichen Kneipengästen den Weg ins reiche Grünwald beschreiben läßt, und wie sie dabei ihren Hamburger gierig ißt (dazu klingt das wundervolle Akkordeon-Zwischenspiel aus »Back Street Girl« der Stones) – das ist hinreißend gefilmt und geschnitten. Jeder Moment hat die absolut richtige Länge. Vor allem, wenn Lyss nur mit einem Auge Sylvies Interesse an ihm wahrnimmt, während ihn die hilfsbereiten Nachtschwärmer umringen und zuquatschen. Und wie sie dann ihrerseits schaut, als sie sein eines Auge auf sich gerichtet fühlt. Das ist ja meistens der Moment, in dem sich entscheidet, ob man einen Film liebt: wenn die beiden füreinander bestimmten Menschen sich zum ersten Mal offen oder heimlich in die Augen schauen. Solche Begegnungen der Blicke konnte Lemke immer schon inszenieren wie kaum einer.
Und so ist dieser Film auch einerseits gemacht wie alle anderen Lemkes, aber andererseits noch viel zarter als sonst: Alles wirkt wie neu ertastet, die Musik weht hinein, weht wieder hinaus, der erste Kuß in Riem am Flugsteig ist sanft, warm, liebevoll, stark. Dann löst Sylvie sich von Paul und sagt – ihre Lippen weich und groß: »Jetzt muß ich aber gehen.« Er fragt: »Kommst du wieder?« – »Nein«.
Völlig überraschend folgt nach diesem Kuß die erste Einstellung von New York; schweigend umkreist ein Helikopter lange die Twin Towers wie zwei zögernde Liebende. Sie wirken verletzbar im fahlen Sonnenlicht – als ahnten sie schon die Katastrophe voraus, die sie 30 Jahre später einstürzen lassen wird. Nach dem zärtlichen Abschied in Riem wirkt New York zunächst wie unter einer Glasglocke, und dann schraubt sich der Flug zum Dach des einen der Doppeltürme hoch. Und dort oben hat das Fotoshooting bereits begonnen, das jetzt zwanzig Minuten lang die ganze Stadt in einer großen Montage mit Sylvies inszenierten Rollenspielen (in Männeranzügen!) verbinden wird. In New York schäumt Lemke geradezu über vor Bildideen, und der Schnitt scheint sich mehr denn je bombensicher in der haargenau richtigen Auswahl von Material und im Rhythmus. Zwanzig Minuten lang erzählen Regisseur und Cutter jetzt gemeinsam, wie ein bißchen Zuneigung in Abwesenheit des anderen zur vermeintlichen Liebe wird. Sylvie verliebt sich erst in New York in den Mann, der sie in München geküßt hat und von dem sie hofft, daß er dort auf sie wartet.
Und was für ein Sammelsurium von heute im Kino und Fernsehen geächteten Mitteln ist in diesem Film enthalten – und eben nicht rausgeschnitten: die Menschen in Cafés, in den Straßenszenen, in den Zügen schauen dauernd in die Kamera! Der Zoom, der ständig die Personen rausholt aus ihrer Umgebung in eine Einsamkeit mit sich selbst – der Zoom ist dem Weltkino fast völlig verlorengegangen. Total überbelichtete Sequenzen zeigen fahle Figuren, die erst erkennbar sind, wenn sie in einen Tunnel eintreten. Der Off-Kommentar der Hauptfiguren wird hier scheinbar völlig inkonsequent eingesetzt, mal bei ihr, mal bei ihm, und einmal spricht Paul Lyss ihn sogar live direkt ins Bild hinein, das wir von Sylvie sehen, und die Kamera schwenkt dann zu ihm, während er spricht.
Am Ende flieht Paul vor Sylvies Verliebtheit zurück auf See. Sie weint und winkt und weint. Man sieht, sie liebt ihre Tränen vielleicht sogar mehr als ihn. Nur Lemke/ Przygodda-Filme sind halt manchmal noch etwas schöner als Lemke-Filme.
Aus: Schnitt – Das Filmmagazin, Ausgabe #52, Thema Montage: Peter Przygodda, S. 12 ff.
Der Artikel wurden mit freundlicher Genehmigung von www.schnitt.de publiziert.