Eine Romanze!
MIKE LEIGH, das THEATER und das KINO
Von Felix Zwinzscher
Mike Leighs kreative Entwicklung gleicht dem Werdegang eines altmodischen Liebhabers aus einem italienischen Film der 60er Jahre. In jungen Jahren verliebt er sich unsterblich in ein junges, elegantes Mädchen, um jedoch feststellen zu müssen, dass sie unerreichbar für ihn ist. Mit dem Ziel, sie doch eines Tages erobern zu können, trifft er sich mit einer älteren Dame, um in die Geheimnisse der Liebe eingeführt zu werden. Bei ihr lernt er alles, was er wissen muss, doch mit der Zeit ist er von ihrer Routine gelangweilt. Er verlässt sie für ein junges Mädchen mit einem aufgeschlossenen Gemüt und erwirbt sich durch sie den Ruf als gekonnter Liebhaber. So gerüstet beginnt er seiner großen Liebe Avancen zu machen und siehe da, sie willigt ein.
So oder so ähnlich könnte man Mike Leighs Entwicklung vom jugendlichen Cinephilen, über den engagierten Theaterschauspieler und –regisseur hin zu einem international anerkannten Filmemacher beschreiben.
Der Ausgangspunkt ist ähnlich phantastisch: Geboren wurde Mike Leigh kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs in England. Er wuchs in einem vornehmlich von Arbeitern bewohnten Vorort von Manchester auf, wo sein Vater eine kleine Arztpraxis im eigenen Haus unterhielt. Mitten in den Nachkriegswirren der 50er Jahre entwickelte der junge Mike seine Liebe fürs Kino. Nach eigenen Angaben hat er alle in den 50er und 60er Jahren auf Englisch erschienen Filme gesehen. In der Schule schlug sich Leigh mehr schlecht als recht und machte nur unter großem Widerwillen das Abitur. Glücklicherweise hatte die Theatergruppe der Schule, der auch Leigh angehörte, einen erstaunlich guten Ruf und so ging er mit einem Stipendium nach London, um Schauspiel zu studieren. Wenn er also nicht das Kino haben konnte, dann doch wenigstens das Theater, die erfahrene, distinguierte ältere Dame. Doch trotz kleinerer Rollen in Fernsehsendungen und auf der Bühne blieb ihm das Schauspiel fremd. Bei einer Bewerbung an Shakespeares Globe Theater wurde er als zu „hölzern“ abgewiesen. Ein paar Jahre später sollte er aber von derselben Adresse den Ruf als Regieassistenten erhalten.
Hier erkannte Leigh, dass seine Passion nicht der Schauspielerei selbst, sondern der Regie gehörte. Es war am Globe Theater, wo er in den folgenden Jahren seinen eigenen Inszenierungsstil entwickeln und sich intensiv mit der kreativen Stoffentwicklung beschäftigen sollte, die er im Laufe seiner Filmkarriere weiter ausbauen würde. Seine ersten Stücke und Filme entstehen durch lange Improvisationsvorbereitungen mit den Schauspielern, die in einem Skript resultieren, welches dann die fertige Grundlage bildet. Durch die Charakterentwicklung mit den Schauspielern und die intensiven Erfahrungen, die sie bei den Improvisationen erleben, entsteht ein Reservoir an Emotionen, aus dem sie während der Dreharbeiten oder der Aufführung schöpfen können.
Was Leigh jedoch am Theater fehlte war die Flexibilität, die der Film zu bieten hatte. Filmmaterial konnte man schneiden und wieder zusammenfügen noch bevor es der Zuschauer sehen konnte. Das ermöglicht nicht nur unauffällige Szenenwechsel ohne großes Umräumen der Bühnendekoration, sondern auch einen kreativeren Umgang mit dem Zeitgefüge innerhalb einer Geschichte.
Nach einem kurzen cineastischen Rendezvous mit seiner ersten Liebe Anfang der 70er mit dem Film BLEAK MOMENTS (1971), der in der Inszenierung noch sehr stark an das Theater erinnert, fand er sich schnell beim Fernsehen wieder. Dort gab es für den jungen Regisseur die Möglichkeit, aufgrund kleiner Budgets und einflussreicher Fürsprecher, sich auszutoben. Seine Filme erreichten durch das Fernsehen ein größeres Publikum als die meisten englischen Kinoproduktionen dieser Zeit.
Beim Fernsehen war es auch, wo er begann eine Thematik zu verfolgen, die sich durch sein gesamtes weiteres Werk ziehen sollte: das real-soziale Porträt gestörter Zwischenmenschlichkeit. Es geht ihm um fehlende Kommunikation, um Vorurteile und fehlenden Humanismus. So zeigt einer seiner bekanntesten Fernsehfilme MEANTIME (1984), mit dem damals noch unbekannten Tim Roth und Gary Oldman, den Verlust, der durch fehlende Kommunikation innerhalb einer Familie entstehen kann. Doch auch beim Fernsehen fand sich ein weiterer Mangel, der Leigh schon am Theater störte: es entstand nichts Dauerhaftes. Eine Theatervorstellung lässt sich nicht zweimal genau gleich reproduzieren und ähnlich ist es mit Fernsehfilmen, sie werden nur einmal, vielleicht zweimal gezeigt und verschwinden wieder. Nur in den seltensten Fällen erscheinen sie auf DVD oder Video. Leigh wollte aber so viele Menschen wie möglich erreichen. Die Fragen, die er in seinen Filmen aufwirft und nie wirklich beantwortet, sollten von allen gehört werden.
Mit einem gewissen Ruf und einer eigenen Produktionsfirma machte er sich Ende der 80er auf seine erste große Liebe zu erobern. Und spätestens 1992 mit seinem wohl kontroversesten Film NAKED (1992) muss sie auch international JA! gesagt haben. Seither führen die beiden eine harmonische Ehe, die schon 1996 mit SECRETS & LIES (1996) zu ersten Oscar-Nominierungen führte.
Literatur:
Tony Whitehead: Mike Leigh. Manchester University Press, Manchester 2007.
Filmquellen:
Leigh, Mike: Bleak Moments, 111 min., 1971.
Leigh, Mike: Meantime, 102 min., 1984.
Leigh, Mike: Naked, 131 min., 1992.
Leigh, Mike: Secrets & lies, 142 min., 1996.