Die Grenze des Erträglichen
MICHAEL HANEKE und GEWALT
von Felix von Boehm
Seit Jahren gehört Michael Haneke zu den wichtigsten Vertretern des europäischen Autorenfilms. Das Feuilleton verehrt ihn als intellektuellen Cinephilen, die Filmwissenschaft seziert seine Filme auf der Suche nach selbstreflexiven, medienkritischen Elementen. Sein überschaubares, aber treues Publikum verehrt ihn obwohl oder gerade weil er es nicht selten dazu zwingt, wegzuschauen. Oder aber, weil er seine Zuschauer häufig dazu herausfordert mittels ihrer eigenen Vorstellungskraft jene Schreckensbilder zu imaginieren, die der Film ihnen bewusst vorenthält, obwohl sie in seiner Geschichte angelegt sind: Schreie hinter einer verschlossenen Tür, Flintenschüsse im Dunkeln.
Angst vor Gewalt als Ausgangspunkt
Spätestens seit seinen Kinofilmen BENNY’S VIDEO (1992), FUNNY GAMES (1997) und CACHÉ (2005) ist der österreichische Filmemacher Michael Haneke vor allem für seine nahezu obsessive Auseinandersetzung mit physischer und psychischer Gewalt bekannt. Seinen jüngsten, bei den Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme prämierten Film DAS WEISSE BAND (2009) bezeichnet er selbst als den Versuch, zur „Wurzel des Bösen“ vorzudringen.
Woraus nährt sich wohl jene Faszination für die „dunkle Seite“ im Menschen? Und warum setzt sich Haneke immer wieder mit neuen Gewaltphänomenen auseinander? Fest steht, dass es sich nicht um eine filmische Selbsttherapie traumatischer Kindheitserlebnisse handelt. Ganz im Gegenteil: Haneke hat oft betont wie behütet er im beschaulichen Wiener Neustadt als „Sohn von drei Müttern“ (Mutter, Tante, Großmutter) aufgewachsen ist. Genau aus jener Geborgenheit, so mutmaßt er selbst, mag seine „panische Angst“ vor physischer und seelischer Gewalt und seine obsessive Beschäftigung mit jenen Phänomenen kommen. Aus Angst vor Gewalt Filme darüber zu machen heißt Fragen an die Gewalt zu stellen: Wie weit können Menschen gehen im Qälen ihrer Mitmenschen? Unter welchen Umständen sind wir dazu bereit, ein anderes Menschenleben zu vernichten? Schlummern in jedem von uns Brutalität, Grausamkeit und vielleicht sogar Mordlust?
In den meisten Filmen von Michael Haneke geht es um diese Fragen, die er immer wieder am Beispiel unterschiedlicher Gewaltphänomene neu stellt: So erzählt er in BENNY’S VIDEO (1992) von der kaltblütigen Ermordung einer Schülerin durch einen pubertierenden Jungen, der die Tat mit seiner Video-Kamera aufzeichnet. In FUNNY GAMES (1997) und dem gleichnamigen amerikanischen Remake FUNNY GAMES U.S. (2007) lässt er einen harmlosen, bürgerlichen Familienurlaub in einem grausamen Blutbad enden. In der Verfilmung des gleichnamigen Jelinek-Romans DIE KLAVIERSPIELERIN (2001) wird der Zuschauer Zeuge der zunehmenden Selbstverstümmelung Isabelle Hupperts, und in CACHÉ (2005) untersucht Haneke die unsichtbare, sich auf der psychologischen Ebene abspielende Gewalt, die der konstanten Bedrohung und Überwachung einer französischen Familie von einem Unbekannten entspringt.
Am Ende geht es vielleicht in all diesen Filmen um Hanekes eigenen, zutiefst bürgerlichen Ängste: die Angst vor der medialen Kontrolle und Manipulierbarkeit des Einzelnen, die Angst vor der Brüchigkeit der sich in Sicherheit wähnenden bürgerlichen Sphäre, aber auch die ganz konkrete Furcht vor körperlicher Gewalt und Mord.
Formal betrachtet können Michael Hanekes Filme als Versuchsanordnungen bezeichnet werden, in denen Täter und Opfer einer bestimmten Reaktionsgleichung folgen. Ihr Verhalten ist dementsprechend oftmals vorhersehbar, nur die Konsequenzen ihrer Handlungen bleiben überraschend: Manchmal kommt es zur Explosion wie in FUNNY GAMES oder BENNYS VIDEO, wo die Täter sich recht schnell von scheinbar harmlosen, pubertären Bengels zu eiskalt kalkulierenden, grausamen Mördern entwickeln, manchmal ist das Ergebnis des Versuchs aber auch nur ein Schwelbrand, der eine Gleichung mit Unbekannten und Leerstellen zurücklässt wie in CACHÉ oder DAS WEISSE BAND, wo die Frage nach dem verantwortlichen Täter und seinem Motiv gar nicht erst vollständig beantwortet werden kann.
Die Frage der Darstellbarkeit von Gewalt
Wenn sich ein Filmemacher mit Gewalt beschäftigt, so dauert es meistens nicht lange, bis aufgebrachte Kritiker ihm vorwerfen werden, seine Filme würden zu einer Verrohung des Publikums führen und die dargestellte Gewalt verharmlosen.
Wie bewusst Haneke jedoch mit der Darstellung und Nicht-Darstellung von Grausamkeiten umgeht, das zeigt auch sein jüngster Film DAS WEISSE BAND: Die Brutalität und Aggression, die sich in Hanekes allegorischer Geschichte über die Wurzel des Bösen in einem norddeutschen protestantischen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs ausbreitet, spielt sich nahezu unbemerkt und zumeist außerhalb des Bildkaders ab. Haneke ist hier viel eher an den Spuren der Gewalttaten interessiert und liefert ausgewählte Indizien.
Aber auch in seinen früheren Filmen hat der Regisseur stets die unterschiedlichen Möglichkeiten der Darstellung von Gewalt ausgelotet und nicht selten auf die Schock- oder Gruselschau der eigentlichen Bluttaten verzichtet, um den Fokus viel eher auf ihre Konsequenzen oder Ursachen zu legen. Virtuos hat er hierzu immer wieder das hors champ mit in den Handlungsspielraum einbezogen und mit höchster Präzision bestimmt, was innerhalb des Bildkaders und was außerhalb von ihm liegt. Und genau hier, in dem Wechselspiel aus Zeigen und Verbergen, im Konstruieren einer Matrix von Darstellung und Leerstelle, beginnt jene Filmkunst, die sich jenseits der pornographisch anmutenden Schockerfilme des großen Horror- und Actionkinos bewegt.
Der selbstreflexive Ansatz
So sehr sich die Erscheinungsform und die Darstellung von Gewalt in Hanekes Filmen auch unterscheiden mögen: Niemals fungieren sie als Mittel zum Zweck. Es geht dem Regisseur nicht darum, den Zuschauer durch einen billigen Schauder bei Laune zu halten. Die dargestellte Grausamkeit soll nicht konsumiert werden wie in den Morgue Veranstaltungen auf den Messen und Jahrmärkten des 19. Jahrhunderts. Im Gegenteil: Um die Manipulation des Zuschauer zu vermeiden und ihn teilweise sogar auf die verwendeten Darstellungsmittel aufmerksam zu machen, bettet Haneke seine Gewaltdarstellungen nicht selten in einen selbstreflexiven, filmischen Diskurs ein: Etwa als Home-Video camoufliert wie in BENNYS VIDEO, wo das mit dem Bolzenschussgerät erschossene Schwein und das ebenso ums Leben gebrachte Mädchen nur auf Hi-8-Material in der schmutzigen Hobbyfilmerästhetik gezeigt werden, als mit der Fernbedienung vor- und rückspulbares videographisches Folterszenario wie in FUNNY GAMES oder eben als per VHS verschickte Drohung, aus der sich die unsichtbar bleibende psychische Gewalt in CACHÉ entwickelt.
Freilich droht dem Kino immer dann, wenn es die eigene Medialität thematisiert und sich selbst reflektiert, eine vom Zuschauer wahrgenommene Entzauberung. Auch in den Filmen von Haneke bleibt dies nicht ganz aus und für Augenblicke erscheinen sie dann zutiefst theoretisch und professoral - die Versuchsanordnung und ihre Reaktionsgleichung, ganz gleich, wie das Experiment aufgehen mag, werden sichtbar. Es ist wohl kaum anders beabsichtigt: In FUNNY GAMES wird diese Vorgehensweise vom Regisseur sogar ganz bewusst auf die Spitze getrieben, wenn sich der Blick des Schauspielers in die Kamera wendet, sich somit direkt an den Zuschauer richtet und die innerfilmische Welt aufbricht. Der Zuschauer soll aktiv in den Film mit einbezogen werden und wird vom Schauspieler gefragt, auf wie viele Opfer er noch in dieser Nacht setzen würde. Dann nimmt die Tortur wieder ihren Lauf – für die Figuren wie für den Zuschauer.
Grenzen der Darstellung
Ob es eine Grenze der Darstellbarkeit von Gewalt gibt? Haneke hat auf diese Frage inzwischen eine Antwort gefunden: Es gibt keine Grenze der Darstellbarkeit, nur eine Grenze des guten Geschmacks. Die „ideale Szene“ aber dürfe eigentlich nicht mehr zu ertragen sein für den Zuschauer, so lacht Haneke mit fast spitzbübischer Freude. Das Publikum müsse dann zwangsläufig wegsehen, sich vom Film, der doch der eigentliche Grund für seine Anwesenheit im Kinosaal ist, abwenden.
Vielfach hat Haneke bewiesen, dass er sich diesem Ideal anzunähren versucht. Nicht selten verlassen seine Zuschauer das Kino noch während der Projektion eines Films. Und doch kommen die meisten von ihnen spätestens beim nächsten Film wieder. Denn eigentlich, so Haneke, ist es mit dem Kino wie mit der Autobahn. Man gleitet vor sich hin und sieht auf einmal, dass etwas passiert ist. Jetzt erst beginnt man wirklich hinzusehen. Gebannt. Schaulustig. „Das könnte ja auch man selbst sein, dem da etwas passiert ist.“
Mit uns hat Michael Haneke über den Ursprung von Gewalt und die Möglichkeiten, das Schreckliche darzustellen, gesprochen.
Filmographie:
Michael Haneke: Benny’s Video, 105 min., 1992.
Michael Haneke: Funny Games, 108 min., 1997.
Michael Haneke: Die Klavierspielerin, 131 min., 2001.
Michael Haneke: Caché, 117 min., 2005.
Michael Haneke: Das weiße Band, 144 min., 2009
Literatur:
Thomas Assheuer: Nahaufnahme: Michael Haneke, Berlin 2008.
Christian Wessely/ Franz Grabner: Michael Haneke und seine Filme: Eine Pathologie der Konsumgesellschaft, Marburg 2008.
Christoph Hochhäusler/Jens Börner/Bitta Boerger: Interview mit Michael Haneke, in: Marcus Seibert (Hg.), Reolver: Kino muss gefährlich sein, Frankfurt 2006.
Weiterführende Links:
Ein Essay zu CACHÉ:
www.nachdemfilm.de/no9/han01de.html
Ein Essay zu BENNY’S VIDEO:
www.nachdemkino.de/no3/met01dts.html
Ein Portrait über Filmemacher und Werk von Matthias Frey:
archive.sensesofcinema.com/contents/directors/03/haneke.html
