"Dire merde à la peur"
Keine Zeit für Ängste - Der Produzent MARIN KARMITZ
von Felix von Boehm
Marin Karmitz und sein Garten
In unserem Nachbarland Frankreich steht vor allem ein Name für gelebte Cinephilie und expansive Filmindustrie: Marin Karmitz. Dieser Name schwebt im Abspann der Filme von Haneke, Chabrol, Kiarostami, Kurosawa und Kieslowski über die Kinoleinwand, begegnet dem cinephilen Streuner beim Gang durch die Regale der Videotheken als Markenname „MK2“ auf den sorgsam edierten DVD-Kollektionen der Filme von Truffaut, Godard, Fassbinder oder Wenders und strahlt in weißen und roten Initialen vor zehn Pariser Kinos auf die nächtlichen Boulevards. King Karmitz und sein Königreich, das Kino: Er ist Filmproduzent, Kinobesitzer und „Éditeur de DVD“, also DVD-Verleger, wie er selbst sagen würde.
Mehr als neunzig Filme hat Marin Karmitz seit der Gründung seiner Firma MK2 im Jahr 1967 produziert, an die dreihundert Filme hat er verliehen und auf DVD herausgebracht. Die Kinos der von Marin Karmitz gegründeten Gruppe MK2 führen jährlich fünf Millionen Zuschauer in den Genuss mit feinem Gespür und sicherem Griff ausgewählter Filme. Gezeigt werden sie ganz selbstverständlich in Originalsprache mit Untertiteln. Genauso wie Karmitz die nachträgliche Kolorierung von Schwarz-Weiß-Filmen ablehnt, weigert er sich auch dagegen Synchronfassungen mit den immer gleichen Sprechern zu verbreiten. Die Produktionen aus dem Hause MK2 können im besten Sinne als elitär bezeichnet werden. Elitär, weil sie einen hohen Anspruch haben, weil sie herausfordern – und zwar sowohl die Macher als auch ihr Publikum. Zu denken ist hier nicht nur an das Spätwerk von Alain Resnais und Claude Chabrol, sondern auch an die Filme von Abbas Kiarostami, an die Drei-Farben-Triologie von Krzystof Kieslowski, an Michael Hanekes „Code: Unbekannt“ oder an Gus van Sants „Paranoid Park“. Marin Karmitz ist es gelungen nach der ‚Nouvelle Vague’ in Frankreich und den großen Jahren des ‚Filmverlags der Autoren’ in Deutschland eine Autorenfilmkultur aufrechtzuerhalten und durch eine von ihm selbst gesteuerte politique des auteurs ganz wesentlich zu beeinflussen.
Diese Unabhängigkeit ist Karmitz nicht nur möglich, weil er selbst produziert, sondern die eigenen Produktionen auch verleiht und vorführt. Dabei ist es sein Anspruch, vor allem die Filmemacher von jener Unabhängigkeit profitieren zu lassen, wie er in einem Gespräch mit Stéphane Paoli betont: „Bei MK2 versuchen wir stets uns so zu organisieren, dass sich die Produktion nach den Autoren richtet und nicht umgekehrt."
Kunst und Kommerz sind für Karmitz keine Gegensätze, sondern eine Interdependenz. Denn gutes Kino kostet Geld und das muss irgendwie verdient werden – am besten mit gutem Kino! So ist Marin Karmitz in der internationalen Filmbranche nicht nur für seine Liebe zur Filmkunst bekannt, sondern auch für seinen Geschäftssinn und seinen gesunden Größenwahn. Dass er Spaß am Wachstum hat, lässt sich an der Geschichte seines Unternehmens ablesen, das immer durch neue Aktivitäten ergänzt wurde und sich somit stets an veränderte Marktbedingungen anpassen konnte.
Lösungen, keine Probleme!
Es scheint fast, als unterlägen die unternehmerischen Entscheidungen von Karmitz einem ganz bestimmten Mechanismus, der stets versucht, aus der Schwäche eine Stärke zu machen, keine Probleme, sondern nur Lösungen zu sehen: Als die ersten Produktionen von Karmitz keinen Verleih finden wollten, gründete er selbst einen Verleih. Als die Filme, die er verlieh, zu wenige Kinos zeigen wollte, eröffnete er selbst ein Kino. Als das Aufkommen der DVD drohte, dem Verkauf von Kinokarten zu schaden, beschloss Karmitz seine Lieblingsfilme auf DVD herauszubringen. Seit das Internet durch die Verbreitung illegaler Raubkopien die Filmwirtschaft bedroht, bietet MK2 auf der eigenen Internetseite seine Filme zum günstigen Download als „Video on Demand“ an. Das ist eine Serie von Entscheidungen, die einerseits Traditionen bewahren und andererseits Veränderungen bejahen. Im technologischen Fortschritt sieht Karmitz nicht den Untergang des Kinos, sondern im Gegenteil eine Erweiterung der Möglichkeiten zur Verbreitung von Filmkultur.
Zu den größten beruflichen Niederlagen Marin Karmitz’ ist wohl der Umstand zu zählen, dass er mit seiner 1989 in den USA gegründeten und kurz danach wieder geschlossenen Tochtergesellschaft MK2/USA als Produzent in den Vereinigten Staaten nie richtig Fuß fassen konnte. Dafür hat Karmitz vor zwei Jahren mit der Produktion von Gus van Sants „Paranoid Park“ vielleicht bewiesen wollen, dass das bessere amerikanische Kino in Europa produziert wird – eine Art Gegenschuss.
Dire merde à la peur!
Alle wegweisenden Entscheidungen, die Marin Karmitz für sein Imperium MK2 getroffen hat, sind Entscheidungen, die neben einem gesunden Unternehmergeist und einem ganz offensichtlich großen Spaß am kapitalistischen Wachstum vor allem eines voraussetzen: Mut. Woraus nährt sich jene Stärke bei Marin Karmitz? Wann hat er gelernt „auf die Angst zu scheißen“?
Geboren ist Karmitz als Sohn einer jüdischen Mutter syrischer Herkunft und eines rumänischen Vaters in Bukarest, Rumänien. Er wächst in wohl situierten Verhältnissen auf, erleidet jedoch ein starkes Trauma durch die Flucht, die seine Eltern bereits im Winter 1947 aus dem kommunistisch gewordenen Bukarest unternehmen – auf dem Seeweg, beginnend in Istanbul, mit Station in Haifa, Neapel und Marseille. Die Situation, in der der fünfjährige Marin Karmitz vor der Küste Südfrankreichs vom Boot aus ins Wasser springen musste, um an Land zu kommen, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt wie eine Urangst, die ihn in seiner Jugend nicht mehr loslassen wollte: „Wenn man Angst hat, gibt es nicht viele Lösungen. Ich sah immer nur zwei: Sich der Angst unterwerfen oder kämpfen. Wenn man sich unterwirft, hat einen die Angst vollständig in ihrer Hand. Also muss man kämpfen!" - Aus der Schwäche eine Stärke machen.
Dank der guten Vernetzung seiner Eltern und durch seine eigene Neugierde und Offenheit konnte Karmitz in Paris nach dem Abitur schnell Kontakte in ein kreatives Umfeld, in die Film- und Theaterwelt, knüpfen und besuchte – gegen den Willen seines Vaters – die Filmhochschule Idhec. Schritt für Schritt, wie er betont, nähert er sich dem Handwerk und der Kunst des Filmemachens an: Zunächst lernt er Kamera, Montage und Ton, dann führt er zum ersten Mal Regie. Bald lernt er Agnès Varda und während der Dreharbeiten von „Cléo de 5 à 7“ ihren guten Freund Jean-Luc Godard kennen. Beiden wird er assistieren. Nebenbei beginnt er als Produzent aktiv zu werden: Um seine eigenen Regieprojekte zu finanzieren, produziert er die Kurzfilme seiner jungen Regiekollegen. Seine erste eigene Regiearbeit „Nuit Noire, Calcutta“, für die er keine geringere als Marguerite Duras darum gebeten hatte, ein Drehbuch zu schreiben, floppt und wird von den Kritikern verrissen. Eine Niederlage. Aber wie war das? Aus Schwächen eine Stärke machen? Wenn sich Karmitz heute an diese Niederlage zurück erinnert, weiß er: „Das war die Lektion des Metiers und dieser Branche. Es tut aber ganz gut, ein paar mal richtig auf die Nase zu fallen, um den Boden unter den Füßen zu behalten. Man kann einen großen Erfolg nur überleben, wenn man auch Misserfolge hinter sich hat."
Die Biografie von Marin Karmitz lässt ein paar günstige Voraussetzungen für seinen großen beruflichen Erfolg erkennen. Natürlich konnte Karmitz als junger Mann bestimmte Entscheidung nur treffen, weil er über die finanziellen Mittel oder die sozialen Kontakte verfügte. Und garantiert war wie immer beim großen Erfolg auch viel nicht berechenbares Glück im Spiel. Was aber sicherlich auch ganz wesentlich zum Erfolg von MK2 beigetragen hat, das sind jene Eigenschaften, die für jeden Produzenten bei jeder neuen Produktion die oberste Prämisse sein sollten: Eine bedingungslose Leidenschaft für seine Stoffe, der unbedingte Wunsch, diese Leidenschaft mit einem ebenso passionierten und möglichst großen Publikum zu teilen und das Bemühen, optimale Bedingungen und Strategien für die Umsetzung der Stoffe zu entwickeln. Denn nur so kann aus einem „terrain vague“ ein Garten werden.
