Das Kino im Leben, das Leben im Kino
JONATHAN CAOUETTE und CINEPHILIE
von Felix von Boehm
Fünf Jahre sind vergangen, seit Jonathan Caouette im Jahr 2004 auf den Filmfestspielen von Cannes mit seinem autobiographischen Film TARNATION (2004) für Aufmerksamkeit sorgte. Zwanzig Jahre lang hat er an diesem filmischen Palimpsest, das Jean-Philippe Tessé (Cahiers de Cinéma) als autofiction bezeichnete, gearbeitet. Zumindest stammt das erste Fragment jener autobiographischen Collage – ein Tonband aus seiner Kindheit – aus den achtziger Jahren. Ob wir noch einmal zwanzig Jahre warten müssen, bis wir wieder einen Film von Caouette zu sehen bekommen? Seit dem großen Erfolg in Cannes ist es um ihn als Filmemacher jedenfalls still geworden. Im kommenden Jahr soll er zunächst einmal als Schauspieler für einen Kinofilm namens PORTLAND für den jungen kalifornischen Regisseur Matthew Mishory vor der Kamera stehen.
Serge Daney und Jonathan Caouette - zwei Ciné-Fils
Warum ein selbst gedrehter Film über das Leben eines jungen Amerikaners, der in Texas aufgewachsen und später nach New York gezogen ist, als bedeutender Beitrag zur Filmgeschichte verstanden werden kann? Weil TARNATION weit mehr ist als ein filmischer Seelenstriptease, weit mehr als eine der vielen Ich-und-mein-Schicksal-Filme, die in den vergangenen Jahren bei uns so hoch im Kurs stehen – jüngstes Beispiel hierfür ist wohl MEIN HALBES LEBEN (2009) vom Österreicher Marko Doringer. Jonathan Caouettes TARNATION ist vor allem das Zeugnis eines Cinephilen und somit eine Liebeserklärung an das Kino, seine Geschichte und seine Geschichten.
Die in Caouettes filmischer Autobiographie ans Licht tretende Cinephilie kann ganz im Sinne Serge Daneys verstanden werden, der wie Caouette als Vaterloser aufwuchs und als selbst ernannter Ciné-Fils das Kino seinen Vater nennen sollte: „Ich musste Cinephiler, ciné-fils, ein Kind des Films sein, das mythologisch in diesem oder jenem Film geboren worden ist, denn dort, in dieser Welt, im Vorhimmel des Kinos, irrte bestimmt das Phantom meines untoten Vaters umher, dem man kein Grab bereitet hat.“
Aus dem Franzosen Serge Daney wurde einer der wichtigsten Denker und engagierten Filmkritiker der europäischen Filmgeschichte, aus dem dreißig Jahre später geborenen Amerikaner Jonathan Caouette ein film buff, der in dem Wohnzimmer einer prekären Pflegeamilie im amerikanischen Texas tagelang vor dem Fernseher saß. Während Daney über die Nouvelle Vague und den italienischen Neorealismus schrieb, bohrte sich Caouette seine Gänge quer durch die amerikanische Filmgeschichte vom amerikanischen Undergroundkino über die Trashfilme Warhols und Morisseys bis hin zu Cassavetes, Scorsese, David Lynch und Gus Van Sant.
Caouette und Daney, so unterschiedlich ihre Biographien auch sein mögen, teilen jene besondere Form der Cinephilie, die über die bloße Leidenschaft, sich Filme anzusehen, sie vielleicht sogar zu sammeln, hinausgeht: Daney lebte für das Kino, Caouette lebt mit ihm. Ein Leben mit den Bildern und Räumen, mit den Figuren und ihren Geschichten. Ein Leben mit Filmen wie mit einem „alten Bekannten“, um mit Jonathan Rosenbaum zu sprechen.
Vom Wunsch ein Kino-Mensch zu werden
Die Cinephilie Caouettes nahm schon in jungen Jahren ausgeprägte Formen an: Als Kind nahm er ein Diktaphon mit in den Kinosaal, in das ihn ein Pflegeonkel jede Woche mitnahm, um den Soundtrack aufzunehmen. Zuhause spielte er die aufgenommenen Dialoge, Töne und Musiken dann ab und zeichnete auf diesem Soundtrack basierend die erinnerten Bilder – ein Storyboard nach dem Film sozusagen. (Vielleicht beginnt überhaupt hier die wahre Cinephilie: Nach dem Film. Über den Film hinaus.) An der kindlich naiven Handlung Jonathan Caouettes wird deutlich, was wohl für jeden Cinephilen gilt: Es geht darum, der Filme habhaft werden zu wollen, sie besitzen zu können.
Die gezeichneten Storyboards aus Caouettes Kindheit gibt es nicht mehr. Was jedoch archiviert wurde und auch in TARNATION in Ausschnitten auftaucht, das sind einzelne Sequenzen, in denen Caouette selbst vor laufender Kamera mit den unterschiedlichsten Figuren aus den Filmen verschmelzen will. Als Pubertierender verkleidete er sich als Mädchen, Mutter oder Hure und sprach vor seiner Hi-8-Kamera minutenlange Monologe. In einem dieser testimonials, wie Coauette jene mit dem Blick in die Kamera vorgetragenen Monologe nennt, tritt er als Hillary vor die Kamera und spielt die Rolle seiner Mutter, die von ihrem zweiten Mann vergewaltigt und sexuell missbraucht wurde. An anderer Stelle spielt er Sharell, ein Amalgam aus Ramona in GOOD TIME (1967), Al Pacino in SCARFACE (1983) und Andrea Feldman in Andy Warhols HEAT (1972), wie er selbst im Audiokommentar der DVD erläutert.
Geht es Caouette hier darum, das eigene Leben zum Film zu machen, um es besser ertragen zu können, so spielen an anderer Stelle die Filme im Leben eine zentrale Rolle: Am deutlichsten wird der Einfluss einzelner Filme in einer avantgardistisch anmutenden Traumsequenz, die Jonathan als Jugendlichen im Halbschlafzustand auf einem Sofa vor dem Fernseher liegend zeigt. Er collagiert in jener Sequenz unter anderem Ausschnitte aus ROSEMARY’S BABY (1986), der 80er Jahre TV-Serie FRIDAY THE THIRTEENTH, HEAT (1972), TRASH (1970), dem Musicalfilm THE LITTLE PRINCE (1974) und der Kindershow ZOOM sowie einen Auftritt von Dolly Parton und Michael Jackson teils alternierend teils im Splitscreen nebeneinander gestellt mit Aufnahmen von sich selbst, seinen Großeltern und seiner Mutter. „I am falling asleep during that dream sequence and then I am becoming a part of the dream sequence.“, kommentiert er. Bald zappt seine Montage nicht nur zwischen den einzelnen Filmausschnitten hin und her, sondern auch zwischen unterschiedlichen Lebenskapiteln von Jonathan Caouette.
TARNATION als Versuch einer filmischen Autobiographie
TARNATION ist ein Film über die Verschmelzung der filmischen Welt mit der eigenen Wirklichkeit und verdeutlicht die der Cinephilie innewohnende Amalgamierung der eigenen Biographie mit dem Kino. Das so entstehende Wechselspiel aus Film und Autobiographie lässt Realität und Fiktion, das wahre Ich und ein imaginiertes Alter Ego, in einen Dialog miteinander treten, der im Zentrum jener neuartigen Form der autofiction steht: „Caouette may well be pointing the way to a new approach to both documentary and autobiography precisely by refusing the categories, insisting instead on a hybrid that accurately encapsulates the tone of his life.“ bemerkt B. Ruby Rich hierzu in der Filmzeitschrift Sight&Sound.
Insofern kann TARNATION am Ende vielleicht sogar als filmischer Beitrag zu der bislang der Literatur vorbehaltenen Gattung der Autobiographie verstanden werden. Dennoch wird die filmische Autobiographie die literarische Memoire ebenso wenig ersetzen, wie sich das Kino von einem anderen Medium ablösen lässt. TARNATION lädt viel eher zu einer Diskussion um das Wechselspiel von Kinorealität und Lebensdichtung ein. Mit uns hat Jonathan Coauette über seine Kinoväter und den unbedingten Wunsch, den Bildern der Filme habhaft zu werden, gesprochen.
Literatur:
Burgin, Victor: The Remembered Film, Reaktion Books, London 2004.
Daney, Serge: Postcards from the Cinema, 2007.
Daney, Serge: Im Verborgenen, Wien 2000.
Rosenbaum, Jonathan: Moving Places. A lifte at the Movies, Berkeley 1995.
B. Ruby Rich: Tell it to the camera, in: Sight&Sound, Vol. XV N°4 (Apr. 2005), S.32-34.
Tessé, Jean-Philippe: Frankenstein et moi. In: Cahier de Cinema, N°595, S. 18.
Filmquellen:
Caouette, Jonathan: Tarnation, 2004.
Boutang, Pierre-Andrè / Rabourdin, Dominique: Serge Daney - Itinéraire du Ciné-Fils, 2004.
Weiterführende Links:
Ein Gespräch mit Alain Bergala über Cinephilie:
www.kunst-der-vermittlung.de/artikel/gespraech-mit-bergala-01/
Ein Portait Serge Daneys von Jonathan Rosenbaum:
archive.sensesofcinema.com/contents/01/13/daney.html
Sonstiges:
Hinweis: Auf der Making-Of DVD der 2007 erschienen Special Edition DVD von Gus Van Sants „My Own Private Idaho“ ist ein interessantes Telefon-Interview mit JT Leroy, Jonathan Caouette und Gus Van Sant zu finden. Die DVD kann unter anderem hier bestellt werden.