Die alltägliche Unsichtbarkeit
JESSICA HAUSNER und BEDEUTUNG in BILDERN
von Felix Zwinzscher
Unser Alltag ist geprägt von Routinen, selbst wenn wir täglich etwas anderes machen. Abläufe, Gesten und Gewohnheiten erfolgen auf immer gleiche Art und Weise und verschwinden so vor unserem geistigen Auge – sie werden unsichtbar. Sie werden nicht unsichtbar im Wortsinn, so dass sie sich nicht mehr beobachten lassen, sondern dadurch, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen, ja geradezu vergessen. Aber es sind nicht nur die routinierten Gesten und wiederkehrenden Handlungen, unser Alltag ist voll von Unsichtbarkeiten: soziale Zwänge des Geschlechts, des Status, der familiären Rolle. Ein Großteil unseres Lebens spielt sich im Dunkeln ab, durch nicht hinsehen und vergessen.
In diesem Dunkeln leuchten immer wieder einzelne Momente auf: Da ist der Griff nach der Tasche um zu sehen, ob wir den Schlüssel wirklich eingesteckt haben, der Moment in dem uns auffällt, dass sich die anderen mehr nach der Familie als nach dem beruflichen Erfolg erkundigen, der Tag, an dem der Bus nicht kommt. In diesen Momenten werden wir uns der vergessenen Einzelteile des Alltags bewusst.
Der Philosoph Martin Heidegger hat dieses Phänomen mit dem Wandel der alltäglichen Gegenstände vom Zuhandenen zum Aufdringlichen beschrieben.
Der leise Alltag
Jessica Hausners Filme gehen genau diesem Phänomen nach. Sie nehmen uns mit in die ruhige Alltäglichkeit scheinbar ganz normaler Menschen. Dabei konzentrieren sie sich paradoxerweise auf das Unsichtbare: das Zuknöpfen einer Bluse oder das Kämmen der Haare. Nüchterne kleine Handgriffe, an die sich keiner erinnert. Immer und immer wieder sieht man die gleichen Handlungen, die gleichen Abläufe. Diese Alltäglichkeit ist bisweilen zu viel und als Zuschauer erwartet man einen alles durchbrechenden Paukenschlag, der das große Abenteuer ankündigt. Jessica Hausners Filme sind aber anders. Sie sind ganz leise, ganz nüchtern, ganz ohne Theater. Hausner zerlegt den Alltag ihrer Protagonisten in seine Einzelteile und durchbricht so die klassische Dramaturgie des Mainstreamkinos. Nach und nach kommt es zu kleinen Brüchen im Alltäglichen. Und plötzlich ist etwas anders, ist etwas passiert. Das Unsichtbare wird aufdringlich, die Gleichförmigkeit gebrochen. Doch wo Hitchcock dieses Element für die supense nutzt, entsteht bei Hausner noch etwas anderes. Ganz langsam und leise entwickeln sich aus den sichtbar gemachten Unsichtbarkeiten die Umrisse eines Menschen, Schatten eines Lebens und die Ahnung von dem was kommen mag.
Die unsichtbare Anwesenheit
In HOTEL folgen wir der neu angestellten Rezeptionistin eines verlassenen Hotels wieder und wieder bei ihrem Rundgang durch die einsamen Flure. Wir blicken in ihr ausdrucksloses Gesicht und beobachten sie beim täglichen Schwimmen. An manchen Stellen wirkt die Ereignislosigkeit erdrückend, doch plötzlich durchbrechen kleine, unscheinbare Veränderungen diese Routine. Einmal fällt die Tür hinter der jungen Frau ins Schloss, während sie draußen raucht. Ein anderes Mal verschwindet die Halskette während des Schwimmens von der Ablage unterm Spiegel. Ein langsames zermürbendes Spiel beginnt, bei dem man wie im Märchen Angst vor der Dunkelheit und dem Unsichtbaren bekommt.
Die Eingangssequenz des Films kann nicht nur als Keimzelle für die gesamte Story verstanden werden, sondern sie ist gleichzeitig exemplarisch für Jessica Hausners Erzählweise. Dort erkennt man erst auf den zweiten Blick den Deckenlautsprecher eines Fahrstuhls und damit den Inbegriff der unsichtbaren Anwesenheit und einen Überträger flüchtiger Musik. Im Fahrstuhl befinden sich die Rezeptionistin und ihr neuer Chef. Plötzlich wird die seichte Musik durch ein Rauschen unterbrochen, wodurch die beiden Protagonisten zur Decke schauen und sich dem Lautsprecher erst bewusst werden.
Choreographie des Alltags
Noch eindringlicher führt uns LOURDES den nahezu choreographisch geplanten Alltag des französischen Wallfahrtsortes vor. Einen Ort, in dem man auf das Unsichtbare hofft, das Wunder. Wir sind dabei wenn eine neue Pilgergruppe in ein von Ordensschwestern geführtes Hotel am Ort eincheckt und sie in tänzerischer Manier des tausendmal Wiederholten entlang der Sehenswürdigkeiten geschleust wird. Und dann tritt das Unsichtbare ein, das Wunder. Als die Bewunderung des Wunders selbst zur Routine wird, kommt der erneute Bruch.
Paradoxerweise wählt Jessica Hausner die Visualität des Films um sich Dingen und Themen zu widmen, die man nicht sieht: In LOURDES ist es das Wunder, in HOTEL die Angst. Ihr Film LOVELY RITA beschäftigt sich mit der im Stillen wachsende Wut und der Kurzfilm TOAST, der im Rahmen der Diagonale 2006 lief, thematisiert einerseits die soziale Stellung der Frau in der Gesellschaft und andererseits die privaten Gewohnheiten. Der nüchterne Blick mit dem sie die Welt in ihren Filmen zeigt, bewahrt diese trotz der existentiellen Themen vor allen Formen des Pathetischen.
Die Frage die bleibt ist: Wie viel Routine im Kino verträgt der Mensch?
Filmquellen:
Jessica Hausner, Lourdes, 96 min., 2009.
Jessica Hausner, Toast, 47 min., 2006.
Jessica Hausner, Hotel, 83 min., 2004.
Jessica Hausner, Lovley Rita, 79 min., 2001.
Weiterführende Links:
Erläuterung zu TOAST: Museum Joanneum