Für einen Tag Garnele sein
ISABELLA ROSSELLINI und SEX
Von Constantin Lieb
Als Ingrid Bergmann 1950 ihren Mann und ein Kind in Amerika zurückließ, um ihrer Liebe zu dem Regisseur Roberto Rossellini nach Italien zu folgen, wurde ihr wegen dieser unorthodoxen Entscheidung per Senatserklärung jegliche Rückkehr nach Amerika verweigert. Auch in Italien predigte man lange eine öffentliche Anklage, bis sich das Künstlerpaar schließlich sieben Jahre nach ihrer Hochzeit wieder scheiden lies. Isabella Rossellini ist eines der aus dieser Ehe hervorgegangenen drei Kinder und verbindet in ihrer eigenen Karriere all das, wofür ihre Eltern standen: Intelligenz, Schönheit, Erfolg, Sex – und großes Kino. Als Fotomodel hat sie mit einer sympathischen und natürlichen Art Jahre lang fasziniert, als Schauspielerin hat sie immer wieder für Überraschungen gesorgt. Dabei hat Isabella Rossellini eine unverkennbare Wandlungsfähigkeit bewiesen, die sie letztlich auch aus dem Schatten der familiären Mythen heraustreten lies. Etwas, an dem nicht wenige auch zerbrochen sind. Seit frühster Kindheit stand sie im Licht der Öffentlichkeit, ohne dabei ihren natürlichen und unverkennbar italienischen Charme zu verlieren. Sie provozierte mit ihrer Rolle der Dorothy Vallens in David Lynch`s BLUE VELVET (1986) und übte sich mit Guy Maddin im expressionistisch-avantgardistischen Filmemachen, z.B. THE SADDEST MUSIC IN THE WORLD (2003). Immer wieder folgt sie kleinen Abstechern zum Fernsehen, ist aber kontinuierlich sowohl im Independentkino als auch in großen Produktionen zu sehen.
„Sex is still a tabu“
„Ich liebe Tiere über alles und würde gerne Dokumentarfilme über sie drehen.“, verriet sie schon 1978 Andy Warhol in einem Interview. Inzwischen hat sie diesen Wunsch umgesetzt, aber natürlich nicht in der Art, die man vielleicht erwartet hätte. GREEN PORNO (2008-2009) ist keine klassische Tierdokumentations-Reihe, es sind auch keine langweiligen Zoobesuche, oder filmischen Abenteuerheucheleien. Es ist eine spielerische Annäherung an das Paarungsverhalten verschiedener Tierarten, die in ihrer Vielfalt nicht nur alle erdenklichen Geschlechtsvariationen und Paarungsmöglichkeiten abbilden, sondern ebenso als ironischer Kommentar zu einer von Sex überfütterten Gesellschaft im 21. Jahrhundert stehen. Eine tief sitzende Neugierde scheint die Regisseurin anzutreiben, was für den Zuschauer ebenso unterhaltsam wie lehrreich ist. Als Internet-Serie konzipiert, liefen die kurzen Aufklärungsclips im amerikanischen Sundance Channel und sind weiterhin auf der Homepage des Senders zu sehen. Die Filme setzen sich aus einer guten Mischung von Information und Parodie zusammen und werden von lasziven Kommentaren begleitet, die bisweilen auch zynisch und frech werden.
„Sex is still a tabu in our society. We talk about it a lot, but we talk about it in a way we don’t really talk about it.“, sagt Isabella in unserem Interview und nachdem man sich „Green Porno“ angeschaut hat, muss man sich tatsächlich fragen, wie es wohl wäre, wenn es nicht Spinnen- und Schneckenkostüme wären, in die Rossellini schlüpft, sondern Jeans und Hemd, um in der nächsten Szene einen umgeschnallten Dildo aus ihrem Reißverschluss zu ziehen. Aber sie tut es nicht, obwohl sie sicher Freude daran hätte. Sie schlüpft lieber mit dieser humorvoll ironischen Art in Tierrollen, in denen sie mal das Männchen, mal das Weibchen und ab und zu sogar beides gleichzeitig sein darf. Ein Wunsch, den sie auch gerne mal in die Wirklichkeit umsetzen würde: „I would love to change sex. Because I`m always wondering: is there an essential difference between male or female, between masculine and feminine? Some animals have the answer. So I think I would like to be shrimp!“
Als Garnele getarnt
Indem Rossellini die unterschiedlichsten Paarungsvarianten studiert, hinterfragt sie auch die sexuelle Normativität, die mittlerweile gar manisch absurde Züge angenommen hat:„There are no laws about lungs, or hearts, but there are laws about the vagina and the penis. We are all trying to define what is normal.“
Gibt es so etwas wie „normale“ sexuelle Vorlieben? Wo verlaufen die Grenzen dieser potentiellen Norm? Irgendwo zwischen Bondage, Makrophilie und Sadomasochismus? Es ist im Endeffekt nicht wichtig diese Fragen zu beantworten, wichtig ist es, sie in der Öffentlichkeit zu halten und immer wieder zu stellen – denn hier geht es um Aufgeschlossenheit und Toleranz. Eine moderne Gesellschaft ist nicht zwingend eine tolerante Gesellschaft; vor allem nicht, wenn sie vermehrt leere Worthülsen und Bildblasen produziert, anstatt den Kern eines Themas aufzugreifen. In diesem Zusammenhang ist es nahe liegend und notwendig ein derart universelles Thema wie Sex in ein geeignetes Medium zu transponieren und dabei alle möglichen Varianten zuzulassen und zu bedienen. Und zwar nicht unter einer grell erleuchteten Oberfläche sexueller Akrobatik, sondern spielerisch getarnt über Garnelen, Schnecken und Algen.
Die Autorin Ariadne von Schirach sieht den Grund unserer eigentlichen Sprachlosigkeit in Sachen Sex in der „Gleichzeitigkeit der visuellen Allgegenwart“ von Sex, der „totalen Verfügbarkeit pornographischer Inhalte und einer verkümmerten sozialen Praxis.“ Dass diese verkümmerte soziale Praxis auch zunehmend Großteil im virtuellen Raum stattfindet, ist ein weiterer Grund eben dort anzusetzen.
GREEN PORNO ist als ironisch inszenierter und dennoch biologisch fundierter Aufklärungsversuch ein Wink mit dem Zaunpfahl. Die kleinen grünen Pornofilmchen schreien regelrecht danach, als Metapher interpretiert zu werden. Wer dabei welches Geschlecht sein darf, bleibt zunächst egal.
Literatur:
Fischer, Robert: Isabella Rossellini. Faszination eines Gesichts, München, Heyne, 1994.
Rossellini, Isabella: Im Namen des Vaters, der Tochter und der heiligen Geister : Erinnerungen an Roberto Rossellini, München : Schirmer Graf, 2006.
Rossellini, Isabella: Green Porno: Ein Bilderbuch und 18 Kurzfilme auf DVD, München, Schirmer/Mosel, 2009.
Schirach, Ariadne von: Generation YouPorn. In: Cicero. Magazin für politische Kultur. Ausgabe Aug.09 Hier lesen
Filmquellen:
Lynch, David: Blue Velvet, 120 min., 1986.
Schumacher, Joel: Cousins, 109 min., 1989.
Maddin, Guy: The saddest Music in the World, 100 min., 2003.
Rossellini, Isabella: Green Porno, web series, 2008/2009. Hier ansehen