Die Notwendigkeit, bösartig zu sein
DANI LEVY und HUMOR
Von Constantin Lieb
Sie gilt als eine Art Königsdisziplin, die wie kaum ein anderes Genre zu polarisieren vermag. Die (intelligente) Filmkomödie ist nicht nur bei Filmrezipienten, sondern ebenso bei Filmemachern ein heikles Feld. Das Lustige und Humoreske lässt sich schwer greifen, nicht kategorisieren und kaum planen, was innerhalb einer Branche, die sich darauf spezialisiert hat, jede Geste und jeden Laut akribisch vorzubereiten, ein paradoxes Unterfangen scheint. Wann der Zuschauer tatsächlich lacht, kann ein Regisseur nur schwer steuern. Humor ist aber nicht nur Lachen, das bestätigt Dani Levy. Humor kann böse sein, kann weh tun und verwirren. Ebenso zwar das Lachen, denn es kann Spott und Verachtung ausdrücken, genau wie Zuneigung und Freude, aber Lachen an sich führt nicht direkt auf Humor zurück. Das teuflische Gelächter in Thomas Manns DOKTOR FAUSTUS beispielsweiße zeigt uns gar die Hölle selbst. Der Humor wiederum kann absurde Züge annehmen, wie in der Splatter-Zeichentrickserie HAPPY TREE FRIENDS oder anderen Gewaltkomödien, in denen das Lachen scheinbar dekonstruiert wird. In LA VITA È BELLA (1997) von Roberto Benigni scheint es geradezu obszön, ausladend zu lachen, obwohl es doch eben auch darum geht. Einige Kritiker fühlten sich in die Falle getrieben, als hätten sie lieber im Kino vor all den Schrecken bitterlich geweint, nur um auch mit einem reinen Gewissen den Saal verlassen zu können.
Tradition und Humor
Dani Levy plädiert nun dafür, dass es möglich ist, einen Film sowohl tragisch als auch komisch anzulegen, diese Ambivalenz förmlich auch zu evozieren. Vor allem in Bezug auf intelligenten Humor hält Levi ein Schubladendenken für unangepasst, denn Komödie und Tragödie sind im Film ebenso vereinbar, wie im Leben. Mit dieser Grundüberzeugung steht der Regisseur natürlich nicht alleine da. Sie ist der Kernpunkt einer Tradition, die von Ernst Lubitsch, den Marx Brothers, über Ephraim Kishon bis zu Mel Brooks und Woody Allen reicht. Sie sind glänzende Beispiel dafür, wie der jüdische Witz seine reiche, poetische Kraft direkt aus dem Leben hervorzubringen vermag. Dabei bedienen sie sich eben den Mitteln, die auch Dani Levi für sich erschlossen hat. Mittels Selbstreflexion und Ironie winden sie sich in den Widersprüchen und Aporien der menschlichen Existenz. Durch grenzenlose Übertreibung von Banalitäten erzeugen sie eine geradezu philosophische Betrachtung des Alltags. Der eigenen Tradition wird sowohl mit Ehrfurcht als auch Respektlosigkeit begegnet und letzten Endes ist es vor allem die unverblümte Intensität des Wortwitzes, der uns das Lachen in das Gesicht zaubert.
Veränderung und Humor
Aber der Regisseur Dani Levi will noch etwas weiter gehen. Er bestätigt dem Humor eine gesellschaftliche Relevanz, eine politische und gar weltverändernde Fähigkeit des Eingreifens in Situationen und Verhältnisse. Diese Zuschreibung erinnert an Henri Bergson, der das Komische als soziale Geste definierte, wobei dieser im weiteren Verlauf seiner Gedanken eher auf die rein expressive Form des Auslachens einging. Das wäre Levy zu eingeschränkt, denn für ihn kann Humor auch ein subjektives Schmunzeln sein. Es ist nicht etwas, das man mit reiner Vernunft in eine Ordnung zwängen kann. Das Komische tritt in seinem plötzlichen Auftreten in eine Gegenposition zu bestehenden Dingen und nähert sich so eher dem Diskurs treibenden postmodernen Dissens an. Diese oppositionelle Macht ist es auch, was Dani Levy am Humor so schätzt und wie er ihn verstanden haben will. Als etwas, das sich gegen etwas anderes sträubt und so Dinge zeigt, die man zuvor einfach hingenommen hätte. Als etwas, das jeder Film braucht, weil man sich nur dann auch an diesem reiben kann. Eine Haltung, ein Standpunkt. Als etwas, dass jeder Mensch braucht, um so auch eine objektivere Haltung gegenüber dem eigenen Selbst einnehmen zu können, wirkt diese Beurteilung des Humors wie ein bourdieusches Hilfsmittel zur Objektivierung der einengenden Subjektivität.
Verunsicherung und Humor
In ALLES AUF ZUCKER (2004) zeigt Dani Levy einen Menschen mit einer klaren Einstellung, ohne ihn oberflächlich erscheinen zu lassen. Henry Hübchen mimt den Verlierer mit einem unterschwellig tiefgründigen Ton. Er weiß was er tut, nur nicht immer wie er es tut. Das ist tief sympathisch und eben auch humoristisch. In MEIN FÜHRER (2007) zeigt sich Helge Schneider in einer für ihn untypisch ernsthaften Schauspielhaltung, dass man zunächst vielleicht eher ein zu enges Korsett für diesen Künstler befürchtet. Allerdings scheint auch hier eben diese Ambivalenz durch, die Levy will. Er mischt Ernsthaftigkeit mit Klamauk, nutzt Klischees um Phobien und Ängste zu zeichnen. Der Regisseur setzt seine Geschichten und Charaktere in einen Zusammenhang, in dem nicht nur die Tragödie oder die Komödie für sich alleine stehen, sondern in dem beide einen berechtigten Platz haben. Plessner sah das Lachen als Mittel, mit dem der Mensch wieder Herr über eine Situation werden kann. Levy zeigt, dass das Lachen als gegenteiliges Instrument ebenso funktioniert. Es kann uns verunsichern und fremd wirken lassen. Durch dieses Verunsichern ist es nun möglich, mehrere Ebenen in eine Komödie zu integrieren.
In JOSHUA , Levys Beitrag zum Episodenfilm DEUTSCHLAND09 (2009), geht er von einer an Woody Allen anknüpfenden Gesamtsituationsdepression, hier die typisch deutsche Schwarzmalerei, aus und greift mittels phantastisch karikaturesken Elementen eine Vielzahl von tatsächlich schwerwiegenden Problemen auf. Wir lachen über Rechtsextremismus und Terrorismus und freuen uns über politisches Versagen. Diese Vorgänge sind absurd, weil sie im Wirklichen eben nicht komisch sind. Durch das Aufgreifen im Film werden sie aber erneut vermittelt und als Probleme in der Öffentlichkeit gehalten. Etwas, das sich selten deutsche Kinoregisseure trauen.
Durch diese Verbindung von Tragik und Komik hat Levy ein Mittel für sich gefunden, seinen Filmen die notwendige Bösartigkeit und damit Tiefe zu geben.
Literatur:
Bergson, Henri: Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen. Frankfurt, 1988. Englische Ausgabe hier online einsehbar.
Hösle, Vittorio: Woody Allen. Versuch über das Komische. München, 2005.
Kishon, Ephraim: Salomos Urteil - zweite Instanz. Neue Satiren. München, 1977.
Mann, Thomas: Doktor Faustus. Frankfurt a.M., 1995.
Plessner, Helmuth: Lachen und Weinen. Eine Untersuchung über die Grenzen des menschlichen Verhaltens. Bern, 1961.
Filmquellen:
Allen, Woody: Annie Hall, 93 min., 1977.
Allen, Woody: Hannah and Her Sister, 103 min., 1986.
Benigni, Roberto: La vita è bella, 118 min., 1997.
Levy, Dani: Meschugge, 105 min., 1998
Levy, Dani: Alles auf Zucker, 95 min., 2004
Levy, Dani: Mein Führer, 89 min., 2007
Levy, Dani: Joshua (In: Deutschland 09, 13 Kurzfilme zur Lage der Nation), 2009.
