Halbgestische Filme
CHRISTIAN PETZOLD und KOMMUNIKATION
Von Sebastian Seidler
Hört es sich seltsam an über einen Film zu sagen, dass er von einer halben Geste zusammengehalten wird? In der alltäglichen Verwendung mag das „Halb-sein“ negativ konnotiert sein – ein halb fertiger Aufsatz, ein halb garer Abend. Was also soll ein derart bezeichneter Film sein? Was meint man in diesem Zusammenhang mit einer halben Geste?
Kommunikation im Kino scheint auf verschiedenste Arten möglich. Zunächst kommunizieren die Figuren im Film, sprechen miteinander, interagieren. Darüber hinaus kommuniziert der Film mit dem Zuschauer, indem er eine Geschichte erzählt. Dabei wird uns der Regisseur über sein Werk manchmal direkt ansprechen, uns etwas mitteilen und etwa seine Gedanken, seine Gefühle oder aber seine politische Überzeugung kundtun wollen. Aber gibt es hierbei einen Rückkanal? Kann man sich das Betrachten eines Filmes als Dialog denken? Kann man als Zuschauer mit einem Film interagieren, oder bekommt man als passiver Betrachter alles vor den Augen serviert – ganz nach dem Motto: Denken Sie nicht nach, die Leinwand übernimmt?
Filme, die zu spät kommen
Christian Petzolds Filme weigern sich das Publikum an die Hand zu nehmen. Sie haben streng genommen keinen wirklichen Anfang. Sie entspringen aus einer Mitte. Petzold selbst bezeichnet das als ein „Zuspätkommen“ der Filme. Der Zuschauer muss sich hier erst einmal zurechtfinden mit seinen Fragen. Wer spricht und handelt hier eigentlich? Die von Julia Hummer gespielte Nina in GESPENSTER (2005) ist so eine angebrochene Figur, wie ich sie hier beschrieben will. Sie liegt nicht vor uns aufgefächert. Wir können sie nicht lesen wie ein offenes Buch. Sie wird nicht vor unseren Augen zusammengesetzt, eingeführt oder gar erklärt. Ihre Gesten sind und bleiben halbe Gesten, ihre Sätze halbe Sätze. Wir müssen unseren Teil hinzugeben. Jede dieser Figuren in diesem Film hat etwas entrücktes, etwas das einem entflieht wie ein Geist – eine Vorgeschichte die man nur spürt. Man bemerkt allmählich diese Vergangenheiten, die jeder einzelne mit sich herumschleppt, die sich aber zeigend verhüllen; die zwischen den Fragmenten zwar scheu aufblinken, aber niemals alles in ein grelles Licht werfen. Es muss ein Reim darauf gefunden werden, doch der liegt außerhalb des Films - bei uns, den Zuschauern. Genau an diesem Punkt der Halbheit beginnen Petzolds Filme lebendig zu werden. Man ist als Zuschauer gezwungen mit den Figuren in Kontakt zu treten, sie zu befragen. Wenn wir jemanden kennen lernen, uns vielleicht neu verlieben, ist jeder Satz eine Spur hinein in ein fremdes Leben. Während andere Filme ganz sind, absolut geschlossen und lediglich eine Projektionsfläche bieten, zieht ein Film wie WOLFSBURG (2003) uns mitten in den Film hinein. Ich muss hierbei immer an das Telefongespräch denken, das Benno Führmann aus seinem Auto kurz vor dem Unfall führt. Wir hören nur was er in sein Mobiltelefon spricht. Ein halber Dialog. Die Antworten der anderen Seite können wir allenfalls von seiner Reaktion ablesen.
Häufig werden Petzolds Filme als kühl und distanziert beschrieben. Ich denke, dass sie im besten Sinne des Wortes halb sind und damit kleine Kunststücke der Wärme. Weil sie uns nichts vorschreiben, sondern uns mitnehmen. Indem sie die helfende Hand verweigern, sind sie begehbares Kino. Ich bin als Subjekt im Kino anwesend. Nicht bloß als bespielbares Objekt. Das mag paradox klingen, aber wir sind es, die neben dieser Familie aus DIE INNERE SICHERHEIT (2000) auf denselben wackeligen Beinen wie sie selbst stehen. Beim Treffen mit Klaus, einem alten Freund sind wir nicht einfach nur dabei, betrachten die Szenerie, lauschen dem Dialog und verstehen. Was verstecken die Menschen hinter den Sätzen? Ist Klaus der leibliche Vater von Jeanne? Es bleibt ein rätselhaftes Treffen. Es ist ein Gesprächsangebot, das wir annehmen können, wenn wir eine Kommunikation wollen. Ansonsten rauscht der Film einfach als Bilderflackern an uns vorbei.
Die Sichtbarkeit und der narrative Raum
Auch in Petzolds neuestem Film JERICHOW (2008) sind diese halben Gesten präsent. Diese Dreiecksgeschichte scheint auf den ersten Blick bloß eine weitere Variation eines schon bis an die Grenzen der Darstellbarkeit ausgereizten Themas zu sein. Wieder sind es die Figuren, die diese Oberfläche aufsprengen. Der unehrenhaft entlassene Soldat Thomas, der das Haus der gestorbenen Mutter erbt. Man spürt, dass hier Fäden gewoben wurden, in welche die Figur eingelassen ist. Jedoch reichen nur die Enden hinein in die Sichtbarkeit des Films. Was zudem mehr als deutlich wird: Dass die Bilder den Figuren Respekt zollen. Das Bild als Geste erstickt die Figur hier nicht, sondern bleibt halb, bleibt Fragment. Beispielsweise in der Szene, in der Thomas niedergeschlagen im Garten seines Hause liegt, der Zug in der Ferne vorbeifährt und dann, so als wäre man in einem kindlich-entrückten Traum, taucht plötzlich ein Reh auf. Wir erfahren nichts Konkretes. Wir werden mit etwas konfrontiert. Nur in wenigen Einstellungen wird ein narrativer Rahmen gesetzt, in welchem die Geschichte sich entrollt. Und wenn narrative Anknüpfungspunkte gegeben sind, dann sind diese immer noch offen genug, dass wir durch diese Lücken hindurch sprechen können.
Kühl erscheinen Petzolds Filme daher allenfalls, wenn man sie in den Kontext zu einem Kino setzt, welches einen mit einer schwülen Heimeligkeit einlullt, einer Trägheit lähmt, die sagt: „Lehn dich zurück. Ich zeige dir, wie diese Welt funktioniert, alles passt ineinander und zueinander, jeder Satz macht Sinn.“ Diese Kühle muss man dann einfach ertragen. Oder man zieht diesen Vergleich einfach nicht, sondern lässt sich darauf ein, auf diese Abkühlung von einem heißen Tag der schnellen Bilder, wird wieder selbstständig und kann, wenn man will, kommunizieren. Man kann dann die halben Gesten zu einem Ende führen.
Filmquellen:
Petzold, Christian: Innere Sicherheit, 106 min., 2000.
Petzold, Christian: Wolfsburg, 90 min., 2003.
Petzold, Christian: Gespenster, 85 min., 2005.
Petzold, Christian: Yella, min., 89 min., 2007.
Petzold, Christian: Jerichow, 93 min., 2008.