Jenseits der Grenzen
CATHERINE BREILLAT und INTIMITÄT
„Es gibt nichts hässlicheres als mich.“ (Romance)
„Ich bin keineswegs geneigt, die Wollust für das Wesentliche auf dieser Welt zu halten. Der Mensch ist nicht auf das Organ der Lust beschränkt. Aber dieses Organ, das man sich nicht eingestehen kann, lehrt ihm sein Geheimnis.“
(George Bataille, Das obszöne Werk)
Der französische Philosoph Georges Bataille spricht von einem Geheimnis, das der Mensch durch die Sexualität aufdecken kann, weil sie ihn über eine Grenze führt, ihn zu einem Taumel führt. Das Obszöne wird hier als Anziehung gedacht, der Exzess als Möglichkeit etwas Verborgenes aufzudecken.
Catherine Breillats Filme handeln nicht von bloßem Sex. Ich möchte sogar sagen, sie handeln am Wenigsten davon. Vielmehr ist es die Frage nach der Identität, nach der Verbindung zwischen Selbst und Körper, welche in den unterschiedlichsten Konstellationen in das Zentrum ihrer Geschichten gestellt ist. Insofern ist sie nicht weit von Georges Batailles Gedanken entfernt, wenn sie in einem Interview mit der englischen Zeitung Guardian sagt: “If you want to preserve your virginity, it's about not wanting to belong to the human species. To make love is not just to have the pleasure of flesh, but to have the pleasure of flesh escaping flesh. The sexual act involves a mental transfiguration, too.” Nicht die Entdeckung des Körpers durch die Berührung eines anderen, sondern die Befreiung vom Körper durch den Körper. Du bist erst Mensch wenn ... .
In ROMANCE (1999) heißt es: „Für mich ist ein Mann, der mich nicht körperlich lieben kann, eine Quelle des Unglücks.“ Was in diesem Satz ausgehoben wird, ist ein Graben zwischen körperlicher und intellektueller Liebe. Was passiert, wenn beides auseinander fällt, nicht in einer Einheit zu erreichen ist? ROMANCE ist eine Abhandlung eben darüber. Eine Erzählung, wie eine Frau auch als Körper geliebt werden will und sich in Extreme stürzt, um Berührung zu erhalten, die sie erst zu einer ganzen Person machen sollen.
Das Großartige an Breillat ist, dass sie in ihren Filmen keine moralische Position bezieht. Vielmehr ist der Film als gesamte Geste eine Versuchsanordnung, die sicherlich von Überzeugungen getrieben ist, aber eben ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Sperrig ist das. Der Zuschauer wird allein gelassen. Die Bilder werfen ihn auf sich selbst zurück. Nein. Ein Genuss sind diese Filme sicher nicht. Sie tun weh, schmerzen und bleiben noch Tage danach im Kopf zurück. Das aber im besten Sinne.
Sex – Freiheit – Breillat
Breillats bejahende Beschäftigung mit dem Sex ist keinesfalls naiv. Sex ist und bleibt verwirrend, kann einen an verstörende Grenzen treiben. Und die in ihrem Werk durchaus enthaltene Idee einer Befreiung durch Sex ist bei ihr immer noch eingekeilt in bestimmte christliche und puritanische Vorstellungen: Sex ist etwas, für das man sich schämen muss, etwas das nicht gezeigt werden darf und das die Frau nicht genießen darf. Irgendwo sitzt da immer noch ein großer, weißer Heterosexueller und spinnt seine Fäden.
Breillats Filme sind wie Geschütze, die sie gegen jedwede Vereinfachung aufstellt. Doch jedes Mal muss Breillat erneut einen Kampf mit den Zensurbehören führen. Warum haben wir immer noch ein so großes Problem mit dem Körper und der Sexualität? Breillat sagte einmal, dass Sex entgegen der Kontrolle läuft. Sexualität ist nicht rational und ohne Rationalität sei man nicht zu kontrollieren. Und wieder ist man bei Bataille angelangt. Ein Teil des Mensch-Seins wird verborgen und gesellschaftsfähig gemacht. Beschneidung. Grenzen werden gesetzt, welche aber immer eine Dialektik mit sich bringen – sie markieren mögliche Überschreitungen. Und dann gibt es ja immer noch das leidige Thema der Pornographie. Ein erigierter Penis darf nicht gezeigt werden. Dabei ist Breillat weit von der Pornographie entfernt. Sie praktiziert viel eher eine Überschreitung im Spannungsfeld von Erotik, Verlangen und einer angespannten Verlorenheit, einer Abscheu. Es gibt kein klares Ja. Es gibt keine Close-ups und Kameraeinstellungen welche die Matrix billiger „Fickfilme“ reproduziert. Die Kamera behält einen Distanz und verhindert es, dass die Zuschauer zu Voyeuren werden. Existentiell aufgeladene Dialoge schieben sich in den Fordergrund. Das Zentrum des Films ist nicht der Sex. In Breillats Filmen wird er eine Sprache, mit der über Ängste und Selbstfindung gesprochen wird.
Guter Sex? Schlechter Sex? Erlaubter Sex?
Seinen eigenen Körper zu entdecken heißt einen Teil von sich zu entdecken. Aber wie sehr ist dieser Körper doch nur über eine mediale Welt vermittelt?
Was gab es nicht in Deutschland für eine große Debatte über Obszönität, als Charlotte Roches Feuchtgebiete veröffentlicht wurde! Ein Mädchen auf der Selbstentdeckung ihres Körpers, im Spiel mit ihren Körpersäften. Ekelige Passagen seien dort zu lesen. Ekel? Nichts daran ist wirklich ekelig, sondern nur radikal. Was hier gebrochen wurde ist eine Art öffentlicher Moral: Vielleicht wird so etwas auch von mehr Menschen praktiziert als wir zugeben wollen. Interessant ist hier nun, dass Breillats erster Film A REAL YOUNG GIRL/UNE VRAIE JEUNNE FILLE (1976) das gleiche Thema aufgegriffen hat. Nur war der Film lange Zeit nicht zugänglich. Ein Mädchen kämpft mit ihrer Sexualität und gleichzeitig mit ihrer Identität. Sie sitzt beim Kaffee mit ihren Eltern, führt unterm Tisch den Löffel in ihre Vagina ein und rührt dann damit die Tasse um. Sie erbricht sich im Laufe des Films in ihrem Zimmer (Gründe werden dafür nicht gegeben) und man weiß nicht genau ob dieser Akt nun sinnlich oder abstoßend ist – irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Wenn die Sexualität am Erwachen ist, steht alles mit dieser diffusen Lust in Verbindung. Auch diese seltsame, sexuell aufgeladene Beziehung des Mädchens zu ihrem Vater, ihr Lolitaspiel und ihr Scheitern die Welt der Erwachsenen zu verstehen. Keine leichte Antwort wird da gegeben. Ist das nun eine Fesselphantasie die sich mit Angst und Abscheu mischt, oder eine Allegorie des Gefangenseins in den sexuellen Rollen, die den Frauen von den Männern aufgedrängt wird?
Vielerorts wird behauptet der Mensch sei nun vollends aufgeklärt. In vielerlei Hinsicht kann das offensichtlich bezweifelt werden. Wenn wir aufgeklärt wären, würden wir immer noch Skandale um einen Film von Catherine Breillat machen? Und warum akzeptiert der angeblich so aufgeklärte Mensch die Darstellung von Gewalt eher als die von Sex? Breillat gibt uns in ihren Filmen keine Antworten, aber sie regt mit Sicherheit an, darüber nachzudenken und Grenzen in Frage zu stellen.
Literatur:
Battaile, George: Das obszöne Werk, Reinbek bei Hamburg, 2007.
Roche, Charlotte: Feuchtgebiete, Köln 2008.
Filmquellen:
Breillat, Catherine: Une vraie jeunne filles, 93 min., Frankreich 1976.
Breillat, Catherine: RomanceXXX, 99 min., Frankreich 1999.
Weitere Quellen:
Interview mit Catherine Breillat im GUARDIAN
Interview mit Catherine Breillat bei SALON.COM
Interview mit Catherine Breillat bei SPIEGEL online
