Bilder, die kein Ende haben?
CAM ARCHER und IMAGINATION
Am Ende von WILD TIGERS I HAVE KNOWN (2006) winkt Logan uns zu. Er winkt aus einem stillen Bild heraus und verschwindet schließlich darin, als hätten das Bild kein Ende. Regisseur Cam Archer jedenfalls glaubt daran – “if an image is successful, it never does stop.” Es bleibt stehen, es klingt weiter, zumindest im Kopf des Regisseurs. Und vielleicht läuft Logan dort noch immer, vielleicht ist er aber auch in einem anderen Bild angekommen, hineingestolpert. Einer der schönsten Sätze des Films lautet: „Wenn wir beide so tun, als gäbe es ein Ende, dann gibt es vielleicht auch einen Anfang.“ Kein Satz beschreibt diesen Film besser.
Hier verbünden sich der Film und der Zuschauer. Indem sie den Schein bewahren, es gäbe ein Ende dieser bewegten Filmstills, die in poetischen Kreisen um das Innenleben der Hauptfigur ziehen und genau darin endlos scheinen, hoffen sie darauf, dass es auch einen Anfang geben muss. Einen Anfang der sexuellen Begierden, der eine Erklärung für all die Verwirrung liefern könnte. Man müsste ihn nur finden, diesen Ursprung - und alles wäre erklärt, denn alles würde einer ursprünglichen Logik folgen.
Doch der Pakt geht nicht auf: Die Bilder in Cam Archers Filmen haben kein Ende. Sie drehen sich um die Fragmente einer Narration herum. Wie ein Mobile, immer und immerzu. Der Film mag vorbei sein, die Bilder sind es nicht. Es gibt keine abschließende Logik. So schöpft der Film und damit auch die sexuelle Begierde ihr Geheimnis aus dieser Unbegründbarkeit, aus einer Aporie.
Imagination: Erweiterung der Sprache
In vielen Kritiken wurde genau dieser Umstand kritisiert, mehr Erzählung eingefordert und der Film der Forderung nach einem klarerer Muster unterstellt. Archer verweigert jener Logik. Er setzt seine der Photographie entlehnte Filmsprache ins Zentrum und versucht darüber eine eigene Filmsprache zu erreichen. Er verlässt sich dabei auf seine kompositorische Stärke, die in ihren besten Momenten das Piktogramm einer Emotion in unser imaginäres (Bild-)Vokabular einbrennt. Nicht immer gelingt dies in WILD TIGERS I HAVE KNOWN. Zu ausgelaugt sind einige der Metaphern der Einsamkeit – der inmitten liegender Körper stehende Logan, der einen Luftballon platzen lässt (Wacht doch auf!) – all das kennt man irgendwoher. All das hat man doch schon mal gesehen. Aber dann sind dort auch diese anderen Momente, wie eben dieses Ende – ein Junge der sich in einem Bild (seinem Bild?) verliert. Vielleicht sind das auch Fährten, die Archer legt, damit er uns schließlich von hinten überfallen kann. Merleau-Ponty schreibt in seinem Buch DIE PROSA DER WELT über die verändernde Kraft der Sprache und legt einen Kern offen, den man auch hier annehmen möchte:
„Mit Hilfe dieser Zeichen, über die der Autor und ich uns einig sind, weil wir dieselbe Sprache sprechen, hat er mich glauben lassen, wir befänden uns auf dem schon gemeinsamen Boden erworbener und verfügbarer Bedeutungen. Er hat sich eingenistet in meiner Welt. Dann hat er auf unmerkliche Weise die Zeichen von ihrem gebräuchlichen Sinn abgebracht, und nun ziehen sie mich wie ein Wirbel in diesen anderen Sinn hinein, den ich antreffen werde.“[1]
Wir werden diesen Sinn wieder antreffen. Sicherlich, jeder einen anderen. Dort draußen, auf dem Weg nach Hause, nach dem Ende des Films, wenn wir aus dem Kino treten. Ich werde nicht mehr die selben Bilder in meinem Kopf haben, wie vorher. Logan wird zu einem Sinnbild. Diese wehrhafte androgyne Gestalt mit einem Baseballschläger in der Hand, verschränkt sich zu einer neuen Bildsprache für Isolation, Begierde und Durchhaltevermögen.
Es steht nun der Einwand im Raum, dass jeder Film, jede Kunstform überhaupt, eben genau auf die Weise funktioniert, uns mit Bildern ausstattet, die wir mit unserer Wirklichkeit abgleichen: Die Person in die wir uns verlieben, ihr Gang, ihre Gestik, erinnert uns an Jean Seberg aus Godards AUSSER ATEM (1960), die sich mit Menschen aus unserer Vergangenheit mischt, mit vergangenen und zukünftigen Lieben. Der springende Punkt ist im Falle von WILD TIGERS I HAVE KNOWN aber die positiv destruktive Imagination, die der Film bereithält. Archer hat recht wenn er sagt, dass er bei einem Großteil der Filme die immergleiche Sprache vorfindet, die unsere Sicht auf die Welt und unser Innenleben nur bestätigt. Die Topographie unserer inneren Vorstellungskraft ist mit einem Spiegellabyrinth vergleichbar. Ein radikales Bild jedoch – und davon ist Archers Film reich angefüllt - zertrümmert dieses Gefüge indem es überrascht und irritiert, sowohl visuell, als auch erzählerisch. Diese Bilder liefern ein neues Vokabular und damit einen neuen Zugang zur Welt.
WILD TIGERS I HAVE KNOWN schafft genau dies: Einerseits stellt der Film dieses „in Bildern denken“ durch seine photographische Ästhetik zur Schau und fordert andererseits eine Interpretationsleistung von uns, die unsere eigene Imagination in Bewegung hält. Zunächst ist man irritiert als eine Frauenstimme Rodeo zum Telefonsex auffordert. Dazwischen wird immer dieses Bild von Logan am Telefon montiert, umgeben von roten Glühbirnen – ein Neuronengewitter der Verwirrung symbolisierend. Später wird alles aufgelöst. Doch wenn man sich auf den Film einlässt, kommt man gar nicht daran vorbei, diese Bilder an sich heranzulassen, sich zu fragen, wer da eigentlich aus diesen Bildern heraus spricht. Archer mag nun nicht der erste Regisseur sein, der sich dieser aufdrängenden Bildsprache bedient, das Surreale in den Vordergrund stellt und das Reale und das Gedachte in der Filmebene durcheinanderlaufen lässt. Parallelen zu Jonathan Caouettes TARNATION drängen sich auf, denn auch dort fügt sich Bild an Bild zu einer endlos sich verschiebenden Stufenleiter zusammen die in das labyrinthische Innenleben eines uns Fremden führen. Bilder die wir aufsaugen, die auch dort kein Ende haben, die sich um unsere eigenen fremden Geschichten drehen und sie verschieben. Wir erzählen Freunden, was wir am Tag vorher erlebt haben, wovor wir Angst haben. Wir benutzen dafür Worte. Aber diese Worte verweisen auf eine uns je eigene „inner visual landscape“. Der Film wird somit zum Senkblei, das man hinablässt und niemals auf Grund stoßen wird.
Cam Archer ist einer derjenigen, die ihre eigenen Bildwelten mit den unseren konfrontieren, irritieren und in den besten Momenten erschüttern. Bis wir uns selbst ein Bild zu eigen gemacht haben. In unserem Gespräch ruft Archer einen Satz auf, den seine Großmutter zu ihm sagte: „You would have loved California a hundred years ago.“ Er lacht und erklärt, er habe diesen Satz in einem Dialog in seinem neuen Film SHIT YEAR (2010) auftauchen lassen: „I took it. I made it mine.” Ganz so wie wir es mit seinen Bildern können.
[1] Merleau-Ponty, Maurice: Die Prosa der Welt, S.35.
Filmquellen:
Cam Archer, Wild Tigers I Have Know, 98 Min., 2006.
Cam Archer, Shit Year, 95 Min., 2010.
