Im Vollzug der Geschehnisse
ANDRES VEIEL und das DOKUMENTARISCHE
von Constantin Lieb
Andres Veiels Filme leben durch die ihnen zugrunde liegenden, wiedererweckten Prozesse. Es sind Entwicklungs-, Geschichts- und Wirklichkeitsprozesse, die durch seine Arbeit erneut belebt werden. Das macht es möglich, diese Geschehnisse vielleicht den einen entscheidenden Augenblick länger der Schnelllebigkeit und dem alltäglichen Vergessen zu entziehen, sie im Kino erneut erlebbar zu machen. Es ist deshalb nur konsequent, wenn Veiel seine Arbeit ausdrücklich als Forschungsreise und die ihm zur Verfügung stehenden Mittel als seismographische Wahrnehmungsapparatur versteht. Instrumente, die nachträglich an den ausgewählten (oder aufgedrängten) Punkten ansetzen und sie reflektierend betrachten. Das Dokumentarische wird somit selbst zu einem Prozess, der die Wirklichkeit nicht nur zu zeigen, sondern auch zu erweitern versucht. Das schrittweise Verstehen einer Begebenheit wird im Film offen gelegt und ein Erkenntnisgewinn erneut ermöglicht. Eine Forschungsreise also, die am Ende als eigener Aspekt selbst in den Wirklichkeitsprozess mit eingeht.
Forschungsreise Film
Vor allem die überraschend intimen Momente sind es, die sich dabei aus der Oberfläche der doch scheinbar klar ersichtlichen Verhältnisse heraus kristallisieren. Veiel porträtiert in DIE SPIELWÜTIGEN (2004) vier Schauspielschüler ohne dabei eine schwärmerische Theaterliaison zu mystifizieren. Er reist in ihre Welt und forscht dabei mit dem sezierend scharfen Blick eines Anwesenden. Dass es sich hier nicht nur um die physische Anwesenheit des Regisseurs am Drehort handelt, sondern vielmehr um die Gegenwart des Forschers in den Bildern, die der Zuschauer am Ende auf der Leinwand sieht, mag vielleicht Veiels Psychologiestudium, einer intensiven Beschäftigung mit medialen Mitteln oder seinem Gespür als Filmemacher geschuldet sein. Es kommt in jedem Fall den Filmen und dem verblüfften Publikum sehr zu Gute. Die ruhige Stimme des Regisseurs lässt uns die Bilder vertraut erscheinen. Das Vertrauen gegenüber dem Reisenden steigt. Etwas, das für Veiel von elementarer Bedeutung ist.
In DIE ÜBERLEBENDEN (1996), einem Film über drei Selbstmörder seines eigenen Abiturjahrgangs, gelingt ihm das noch treffender. Der Regisseur durchläuft nicht nur die eigene Vergangenheit, er durchforstet Tiefen und Höhen menschlicher Psyche ebenso, wie Gesellschaftsbilder und Denkgewohnheiten der Bundesrepublik. Die dabei nachgestellten Szenen fügen sich erstaunlich ausgewogen in die Forschungsreise Film ein - reale Begegnungen mit Menschen und Orten werden widerstandslos damit verwoben. Wie wunderbar es ist, wenn sich in einem Dokumentarfilm Blickrichtungen ändern und Personen von außen in die Mitte der Aufmerksamkeit gelangen, kann hier beobachtet werden. Auch in BLACK BOX BRD (2001), seine sicherlich bekannteste Reise, forscht Veiel nach Spuren, die unter die Oberfläche des bereits Gesehenen gehen. Die Biographien des RAF Mitglieds Wolfgang Gramms und des durch ein Attentat der RAF ermordeten Bankiers Alfred Herrhausen werden durch die Aussagen Dritter vermittelt und dennoch sind die beiden eigentlichen Protagonisten scheinbar unmittelbar gegenwärtig. Veiel schafft es seine Gesprächspartner in den Interviews auf Augenhöhe zu halten, sich nicht hinter Wort- oder Montagebarrikaden zu verstecken. Wir werden erneut Teil an den Bildern, die durch diese Gespräche entstehen, begleiten die Reise des Filmemachers.
Die Konvergenz von dokumentarischer und fiktionaler Realität
Das Dokumentarische lebt ebenso wie das Fiktionale von herausgelösten und zusammengesetzten Bildern der Wirklichkeit. Veiel wird nicht müde, immer wieder zu betonen, dass sich daraus für den Filmemacher eine gewisse Verpflichtung ergibt. Die Verpflichtung, auch die Mittel, denen man sich bedient, dem Publikum offen zu legen. Die schlimmste Handlung ist demnach die Manipulation des Zuschauers, die Lüge (ein Schelm, wer dabei an Religion denkt). Vor allem in einer medialen Landschaft, in der die beiden Gattungen scheinbar konvergieren, in der es „dokumentarische Spielfilme“ und „Dokumentarfilme mit fiktionalem Gehalt“ gibt. „Wirklichkeit“, so Andres Veiel, „wird dabei permanent verändert. Auch und gerade im Dokumentarischen.“ Es wird also immer wichtiger, die Offenlegung der Mittel zu vollführen und sich nicht von dem Reiz verführen zu lassen, mit nachgeholfenen Bildern einmaliges Erstaunen zu erzielen. Das ist kein Heraufbeschwören darstellerischer Grenzen. Vielmehr die Entdeckung der Möglichkeiten, die das Kino denen gibt, die es vermögen, umsichtig mit Film die Prozesse des Lebens einzufangen und das Wissen darüber weiterzuführen.
Kinematographisches Denken
Die Beziehung zwischen dem Mechanismus des Kinoapparats und der menschlichen Erkenntnis hat bereits Henri Bergson in seinem mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Werk L’ÉVOLUTION CRÉATRICE (1907) dargelegt. Er versucht an einer Stelle das reale Werden von einer Täuschung zu trennen, indem er den „Kunstgriff des Kinematographen“ auf den „Kunstgriff des Erkennens“ anwendet. Das Aufnehmen der Momentbilder und die anschließende Zusammensetzung zu einer Bewegung, der erneut Individualität inne wohnt, lässt uns das der Wirklichkeit zu Grunde liegende Werden rekonstruierend erkennen. Dabei stellen wir uns außerhalb der zu erkennenden Dinge vor, wie der Regisseur, der hinter der Kamera am Geschehen anwesend ist, aber nicht aktiv teilnimmt. Somit kommt Bergson zu der Annahme, dass „der Mechanismus unseres gewöhnlichen Denkens kinematographischen Wesens ist.“ Andres Veiel fasst seine Arbeit in ähnlicher Hinsicht auf, da bei ihm Film nicht zum reinen Unterhaltungsmedium degradiert wird, sondern eine Anlaufstelle des Denkens wird. Seine Arbeit an einem Thema könnte als Verbildlichung des kinematographischen Wesens gesehen werden. Er rekonstruiert als Außenstehender eben den Prozess, der zu einer Entwicklung geführt hat, lässt die Geschehnisse erneut laufen, belebt sie und führt deren Prozess weiter. Veiels filmisches Wirken ist dann gleichermaßen Denken und Wahrnehmen, Verarbeitung und Erkennen.
Bergson These hatte das Wesen des Denkens von einem mechanischen Punkt aus beschrieben. Es wird eine Möglichkeit dargestellt, wie Denkprozesse funktionieren können. Eine Gefahr liegt aber darin, die eigene Handlung mit der abgelichteten Momentaufnahme zu verwechseln, aus der Frage nach dem Denkvorgang eine inhaltliche Folgerung abzuleiten. Das Denken würde dann nicht mehr kinematographischen Wesens sein, sondern das Handeln würde von den durch die Apparatur vorgeführt Bildern abhängig gemacht, zwei Ebenen also fälschlicher Weise verwechselt werden. Fiktion würde zur Wirklichkeit gezwungen.
In DER KICK (2006) verarbeitet Veiel die menschenverachtende Gewalttat dreier Jugendlicher, die einen Jungen zuerst gefoltert und anschließend, um ihn zu töten, eine Szene aus AMERICAN HISTORY X (1998) nachgestellt haben. Es wäre nun grob missverstanden, würde man diesen Film als Ausgangspunkt derartiger Gewalthandlungen nehmen, die unterschiedlichen Ebenen würden vermischt werden. Allerdings vermag es Veiel mit seiner Arbeit und den Mitteln des kinematographischen Denkens, die Geschehnisse aus der Kurzzeitigkeit der medialen Öffentlichkeit herauszuschälen. Wir nehmen die Gewalttat erneut als solche wahr und verstehen beziehungsweise erweitern somit unser Wirklichkeitsbild. Das Rekonstruieren von außen wird zum Ausgangspunkt eines Erkenntnisprozesses, die Reise des Regisseurs zur Voraussetzung für das Publikum.
Film kann verändern. Andres Veiels Filme machen dies immer wieder. Dabei ist es beachtlich, wie viel Kraft der Regisseur dafür aufbringt, auch wenn der Dokumentarfilm selbst einem äußerst schwierigen Umfeld unterliegt. Ob es Veiel gelingt, diese Kraft auch unter anderen Bedingungen zu beweisen, wird sich zeigen. Seine nächste Arbeit ist ein Spielfilm, die Reise geht dann, wie teilweise schon bei voran gegangen Forschungen zu den Prozessen rund um Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Bernward Vesper.
Filmquellen:
Kaye, Tony: American History X, 119 min., 1998.
Veiel, Andres: Die Überlebenden, 90 min., 1996.
Veiel, Andres: Black Box BRD, 102 min., 2001.
Veiel, Andres: Die Spielwütigen, 108 min., 2004.
Veiel, Andres: Der Kick, 82 min., 2006.
Literatur:
Bergson, Henri: Schöpferische Entwicklung, Zürich, 1967.
Whitehead, Alfred North: Denkweisen, Frankfurt am Main, 2001.
Weiterführende Links:
- Eine englische Ausgabe von Bergsons Schöpferische Entwicklung ist hier online einsehbar. Siehe u. A. Kapitel IV, S.296 ff.
- Ein Essay zur Verbindung von A.N. Whitehead und Bergson, in dem ebenso die These des kinematographischen Denkens kurz erläutert wird, ist hier zu finden.
- Ein kleiner Überblick über Bergsons Verbindung zu zeitgenössischeren Film-Philosophie Themen ist hier aufgezeigt.