Nach dem Vorhang, die Wahrheit.
ANDREAS DRESEN und AUTHENTIZITÄT
Von Constantin Lieb
„Das Kino ist für mich ein magischer Ort“, sagt Andreas Dresen zu Beginn unseres Interviews. Die Magie des Kinos liegt für Dresen in seinem paradoxen Wesen, in seiner Zwiespältigkeit. Ungewiss darüber, was sich die nächsten Stunden dort abspielen wird, sitzen wir mit fremden Menschen in vollkommener Dunkelheit im Kinosaal, die Türen geschlossen. Das Warten auf den Beginn des Films hat etwas Andächtiges, auf den gebannten Gesichtern während der Vorführung zeichnen sich im besten Falle Gefühle ab und am Ende liegt meist ein Hauch Erleichterung in der Luft, egal ob der Held seine Liebe gefunden, gerettet oder gar getötet hat. Lorenz Engell schreibt hierzu: „Zu den Besonderheiten des kinematographischen Raums, zum Kino als ‚Stube der Ideen’, aber zählt zentral und unverzichtbar eine charakteristische Verdoppelung der Raumstruktur, denn das Kino gehört wie Theater, Panorama, und Museum zu jenen Sonderräumen, in die wir hineingehen, um wiederum in einen anderen Raum hineinzusehen, an einem anderen Raum imaginär teilzuhaben.“
Es ist nicht nur eine Doppelung der Raumstruktur, sondern ebenso eine Doppelung der Wirklichkeit. Eine Doppelung, die in einigen Fällen als eineiiger Zwilling, in anderen Fällen als nur entfernter Verwandter sichtbar wird. In Jean-Píerre Jeunets LE FABULEUX DESTIN D'AMÉLIE POULIN (2001) beispielsweise dreht sich die bezaubernde Audrey Tautou als "Amélie Poulin" gerne um, wenn sie im Kino sitzt, um die übrigen Kinogänger zu beobachten. Wir sehen uns in diesem Moment selbst im Film, da wir gebannt, vielleicht sogar berührt, vor einer Leinwand sitzen und Leuten zusehen, die ebenso berührt vor einer Leinwand sitzen. Aber es ist eben eine fabelhafte Welt, die wir sehen, ein fiktionales Konstrukt, hier unserer Realität sogar überaus ähnlich. Dieses Abbild kann allerdings niemals deckungsgleich mit unserer subjektiv wahrgenommen Wirklichkeit sein, denn die diegetische Welt des Films ist immer konstruiert und manipuliert. Sie setzt sich aus einer Reihe von Ausschnitten abgelichteter und in Szene gesetzter Momente zusammen, die auf eine Realität verweisen, die so vielleicht niemals existieren könnte.
Misstrauen und Manipulation
Der Film als Medium besitzt zwar eine kommunikative Funktion, oft aber nur in einer auf unsere Umwelt hinweisenden, oder Aufmerksamkeit erzeugenden Form und nicht als direkte Anrede eines realen Gegenübers. Spielfilme erzählen Geschichten und möchten damit unterhalten, einige wollen noch etwas mehr, andere nicht einmal das. Auch Dokumentarfilme haben den Anspruch, ein Leben, eine Zeit oder eine Ungeheuerlichkeit in ihren Bildern einzufangen. Genau in diesem Prozess des Einfangens geschieht nun aber das Verfremden, denn das Blickfeld des Zuschauers wird begrenzt, durch Kameraführung, Schnitt und Ablauf werden wir bei der Hand genommen und durch die Geschichte geführt, egal ob Spielfilm oder Dokumentation.
Für Andreas Dresen gibt es nichts, das weniger authentisch ist, als ein Film. Trotzdem werden gerade seine Filme immer wieder als lebensnah, direkt und eben authentisch gefeiert. Seit seinem virtuosen Debütfilm NACHTGESTALTEN (1999) zählt der Regisseur zu einer kleinen Garde deutscher Filmemacher, die es immer wieder schafft abseits konventioneller Kinogeschichten regelrechte künstlerische Kleinode zu kreieren, die weitaus näher an Gesellschaft und Zeitgeist heranreichen, als die meisten ihrer Kollegen. In HALBE TREPPE (2002) verzichtet er auf künstliches Licht und feste Dialoge, er bildet Alltag ab, ohne langweilig zu sein. Die in den Film eingebauten Interviews mit den Schauspielern brechen mit dem „manipulierten“ Film, indem es die Schauspieler selbst sind, die reden und nicht die Figuren, die sie verkörpern. Obwohl wir auch hier als Zuschauer im Kino, von der unsichtbaren Hand des Regisseurs fest umgriffen, einen Film sehen, scheint es doch ein Stück Realität zu sein, das hier aufblitzt - spätestens wenn wir einen der sprechenden Schauspieler einen Tag später im Café oder in einem Park sehen.
Was ist aber, wenn die Wirklichkeit, die der Film zeigt, in keiner Weise mit der unseren übereinstimmt und wir uns trotzdem mit vielen Aspekten identifizieren können? Was, wenn der Film plötzlich all das einzulösen scheint, was wir von der Realität zwar erwarten, aber nicht finden? Dresen misstraut den Bildern und das ist auch gut, denn sonst würde er ihnen unterliegen. Die Bilder könnten sonst selbst zum Regisseur werden. Allerdings muss man dabei vorsichtig sein, sich nicht selbst ein Bein zu stellen. Film ist mehr als die Oberfläche der Bilderprojektion. Film kann innerhalb seines sich selbst gegebenen Konstruktes dem Menschen Situationen, Gefühle und vieles Andere vermitteln, das er sonst niemals erlangt hätte, das ihn aber bereichert.
Das bekannte Unsichtbare
Die Filme von Andreas Dresen wirken so authentisch und lebensnah, weil er keine Angst davor hat, die Dinge zu zeigen, die wir zwar alle kennen, aber nicht immer auch sehen. Dresen reist gerne „ins eigene Wohnzimmer“ und von dort aus am Besten in ganze „Seelenlandschaften“ seiner Protagonisten.
So auch in seinem, wieder teilweise frei inszenierten, Film SOMMER VORM BALKON (2004), indem Inka Friedrich als "Katrin Höhen" und Tiefen mitmacht, die weder gestellt noch unglaubwürdig aussehen. Nadja Uhl wirkt als "Nike" skurril sexy und ausweglos unmodern zugleich, auch wenn Dresen sagt, dass es wohl Niemanden gibt, der eine derartige Wohnung hat oder solche Musik hört. Das ist der Punkt, an dem der Regisseur die Wirklichkeit unterschätzt. Denn eben weil es so etwas gibt und weil wir als Zuschauer uns dieses auch vorstellen können, vielleicht uns sogar selbst erwischt fühlen, nehmen wir ihm die Figur ab, glauben an deren Geschichte. Dresen beherrscht das Wagnis Tragik und Komik zu verbinden, indem er seine Figuren scheitern und zweifeln lässt und sie dadurch als Abbild einer Welt zeigt, die unsere sein könnte. In WOLKE 9 (2008) hat Dresen nicht nur keine Furcht vor dieser Welt, er hat den Mut, eine Liebesgeschichte zu erzählen, deren Protagonisten jenseits der 70 sind. Der Regisseur möchte die Wahrheit zeigen und er schafft dies beispielsweise in langen, halbtotalen Kameraeinstellungen, die den Figuren genügend Raum geben. Er vermittelt Intimität und vermeidet dabei doch all die gängigen Filmklischees von Liebe und Sex, die unser eigenes Bild davon schon zu verdrängen drohen. Bei Dresen sind es gealterte Körper, die sich, um die eigene Achse drehend, ineinander verschlingen und berühren. Idealerweise ist diese Intimität im stillen Kinosaal beinahe greifbar, bis Inge (dargestellt von Ursula Werner) dann im Gefühlschaos versunken aufschreit und wir eine Frau erkennen, die in ihrem Alter innerlich zerrissen ist und sich schließlich für die Wahrheit entscheiden wird.
Auch der Regisseur entscheidet sich dafür und gibt mit seinen Filmen ein Beispiel dafür, dass gut inszenierte Spielfilme näher an der Realität sein können, als zugespitzte Dokumentarfilme.
„Im Kino sieht man nicht die Wirklichkeit, im Kino sieht man im günstigsten Fall die Wahrheit.“
Genau das führt Andreas Dresen uns nun auch in seinem aktuellsten Film WHISKY MIT WODKA (2009) vor, der eine vielfältige Doppelung der Raumstruktur feiert und sich sogar darauf einlässt, den Mythos Film zu zerstören, indem er von der Produktion eines Films erzählt. Das hier enthaltene, selbstreflexive Misstrauen gegenüber dem eigenen Medium ist zwar nicht neu, wird hier aber überaus charmant geäußert.
Und vielleicht ist in WHISKY MIT WODKA Dresens Wunsch nach einer Trennung von fiktiver Geschichte und tatsächlicher Realität sogar am deutlichsten eingelöst. Dann wäre Dresen nun an einem Punkt angelangt, an dem er sich wieder neu umsehen und seine Vorstellung des Kinos neu definieren müsste, wenn er sich nicht wiederholen will.
„Verwechsel nicht Leben und Film“, sagt Corinna Harfouch als "Bettina Moll" zu Henry Hübchen, der den alternden und trinkenden Filmstar "Otto Kullberg" verkörpert. In Dresens Film bezieht sich diese Warnung natürlich auf den in der filmischen Welt produzieten Film des fiktiven Regisseurs "Telleck" (Sylvester Groth) und auf die darin besetzte, junge Schauspielerin (Valery Tscheplanowa). Aber es ist auch die Warnung, die Andreas Dresen seinem eigenen Kinopublikum zuflüstert. Das erinnert natürlich an Brecht, der seine Zuschauer vor einer Überidentifikation warnte. Auch Dresen tut das in unserem Interview: „Glotzt nicht so romantisch!“
Nun bleibt es abzuwarten, ob der Regisseur uns in seinem nächsten Film wieder die Hand reicht oder gänzlich hinter dem Vorhang verschwindet.
Literatur:
Engell, Lorenz: Medienphilosophie des Films. In: Sandbothe, Mike, Nagl, Ludwig (Hrsg.): Systematische Medienphilosophie. Berlin, 2005, S. 283–298 (= Zeitschrift für Philosophie, Sonderband 7).
Filmquellen:
Dresen, Andreas: Nachtgestalten, 101 min., 1999.
Dresen, Andreas: Halbe Treppe, 111 min., 2002.
Dresen, Andreas: Sommer vorm Balkon, 107 min., 2005.
Dresen, Andreas: Wolke9, 98 min., 2008.
Dresen, Andreas: Whisky mit Wodka, 104 min., 2009.
Jeunet, Jean-Píerre: Le fabuleux destin d’Amélie Poulain, 129 min., 2001.
