Ein Blick aus dem Fenster
AGNÈS VARDA und POESIE
Von Felix von Boehm
Sie ist die älteste und für viele ihrer Zuschauer auch die bedeutendste Filmautorin des französischen Kinos. Mit 80 Jahren hat Agnès Varda weit mehr als ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte miterlebt und geprägt: Sie entdeckte Philippe Noiret, beriet Jean-Luc Godard und François Truffaut und heiratete Jacques Demy. Als einzige Frau in dem fast ausschließlich männlich besetzten Feld der Filmproduktion im Frankreich der 50er Jahre, ging sie als „Großmutter der Nouvelle Vague“ in die französische Filmgeschichte ein.
Zunächst arbeitete die 1928 in Brüssel geborene Halbgriechin als Photographin am Pariser Theater von Jean Vilar. Bald wurde ihr jedoch klar, dass sie das Photographieren auf dunklen Probebühnen und das Entwickeln der Photographien in ihrer häuslichen Dunkelkammer nicht auf Dauer befriedigen könnten. Der Blick aus dem Fenster, bei dem die Gedanken zu schweifen beginnen, der Blick in Landschaften und Seelenlandschaften, bei dem die Gefühle zu schwingen beginnen, sollte ihr wichtiger werden als der durch den objektivierenden Sucher ihrer Photokamera, die zwar Emotionen und Leben festhalten konnte, aber doch immer nur in einem bestimmten Moment, kürzer noch als ein Augenblick. Das war nicht genug für Varda, die sich gleich in einem ihrer ersten Filme CLÉO DE 5 Á 7 (1961) zwei Stunden lang mit der Filmkamera an die Versen ihrer Protagonistin hängte, um nahezu in Echtzeit mitzuerleben, wie diese nach einer Krebsuntersuchung auf eine medizinische Diagnose wartet – und dabei vor allem in inneren Monologen über das Leben nachzudenken beginnt. Immer wieder wird es Varda in ihren Filmen darum gehen, eine Sammlung von Momentaufnahmen aufzubauen, zwischen denen die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonisten zu mäandern beginnen. Man könnte einige ihrer Filme als gedankliche Spaziergänge bezeichnen, bei denen sich immer neue, unerwartete Abbiegungen, Lichtungen und Hohlwege auftun.
Vom Gedankenbild zum Leinwandbild
Und genau in diesem Punkt sieht die Regisseurin selbst die Schnittstelle von Poesie und Filmkunst – in der oftmals metaphorischen Verweisungsstruktur, die sich hier aus dem Bild und dort aus dem Wort eröffnet und die bei ihr häufig in einer virtuos assoziativen Collage mündet, die mit dem stream of consciousness in der Literatur durchaus verwandt ist. Wo im Gedicht zwischen zwei Versen ein Gedanke entstehen kann, bietet ein Film diesen Raum im besten Falle zwischen zwei Bildern. Dann kann ein Film jene „Gedankenbilder“ durchscheinen lassen, die Varda die Grundlage allen Schaffens nennt: Die inneren, unsichtbaren Bilder nämlich, die eigentlich nur vor dem geistigen Augen entstehen. Immer wieder hat Varda versucht, diese Bilder mit überraschenden Einstellungen in Szene zu setzen, auf die Leinwand zu holen – in ihren Filmen, aber auch in ihren Videoinstallationen.
In seiner theoretischen Schrift zum erinnerten Film ruft Victor Burgin den Terminus des sequence image auf, das er in Bezug auf die syntaktischen Strukturen des Films thematisiert. Was Burgin in Bezug auf die Produktion und die Wahrnehmung solcher Sequenz-Bilder feststellt, kann auch auf die virtuosen Montagen von Agnès Varda übertragen werden:
„The elements that consitue the sequence-image, mainly perceptions and recollections, emerge succesively but not teleologically. The order in which they appear is insignificant (as in a rebus) and they present a configuration – ‚lexical’, ‚sporadic’ – that is more object than narrative.“
Ein Beispiel für diese lexikalisch-sporadische Montageform, die nicht zwangsläufig immer dem Plot oder der Narration dienlich ist, sondern stellenweise ganz in sich steht, findet sich unter anderem in Vardas erstem Film LA POINTE COURTE (1954). Hier versuchte sie ihre Gedanken zu dem Tod eines geliebten Menschen in Bilder zu verwandeln: Sie drehte hierfür eine Plansequenz, in der die Kamera einem Pferdewagen durch ein Fischerdorf folgt, der eine Leinwand transportiert, auf der Filmaufnahmen von dem verstorbenen Fischer defilieren. Der Leinwand-Wagen, dieses rollende Kino, das den dunklen Saal verlassen hat, wird draußen auf der Straße von den trauernden Dorfbewohnern wie in einer Prozession begleitet.
Ein anderes Beispiel für Vardas auf die Leinwand gebrachten Gedankenbilder finden wir in ihrem jüngsten Film LES PLAGES D’AGNÈS (2008): Wenn sie hier über Erinnerung sprechen will, dann zeigt sie sich selbst, wie sie rückwärts über die Strände der Normandie, die Strände ihrer Erinnerung, läuft.
Immer wieder versucht Varda also, Gedanken durch Bilder zu illustrieren oder mit Bildern Gedanken zu inspirieren. Kann diese Wechselwirkung nicht als genuin poetischer Vorgang verstanden werden?
Die Lektionen der Surrealisten
Am meisten beeinflusst wurde Agnès Varda nach eigenen Angaben von den Surrealisten. Zwei Dinge, so betont sie, habe sie von ihnen gelernt und versucht in ihre filmische Sprache zu integrieren: Zunächst einmal den assoziativen Umgang mit unterschiedlichen Ideen und Gedanken, der jenseits von kausalen Beziehungen operiert und den sie als „mentales Zapping“ bezeichnet. Und darüber hinaus die große Bedeutung des Zufalls, der jenseits des Drehbuchs im Produktionsprozess und vor allem im Schnitt zu unerwarteten Einfällen und Kombinationen ursprünglich disparater Bilder und Momente führt. Den Zufall nennt Varda ihren „premier assistant.“ Daher betont sie auch wie wichtig der Schnittprozess für sie ist. Oftmals unterbricht sie den Schnitt, um noch einmal Material zu sammeln, nachzudrehen und jene Zwischenräume zu kreieren, die einen Film zur Poesie machen können.
Der gedichtete Film
Neben den Surrealisten ist Varda mit den großen französischen Dichtern Valéry, Baudelaire und auch Appolinaire vertraut. Die Dichtkunst der vergangenen vierzig Jahre ist ihr trotz ihres oftmals sehr schönen Klangs zu frei: „C’est un peu le free jazz.“ Varda bevorzugt Gedichte, die sich reimen. Und vielleicht spiegelt sich diese Liebe zur Struktur auch in ihren Filmen wieder; so betont sie, dass sie im Schnitt zunächst stets nach einem roten Faden, einer Art narrativem Gerüst sucht, um innerhalb dieses Rahmens ihr Netz aus freien Assoziationen entspinnen zu können. Die wiederkehrenden, selbstreflexiven Strandspaziergänge aus LES PLAGES D’AGNÈS (2008) stellen ein solches Strukturmoment dar. Von hier aus nehmen dann die unterschiedlichen gedanklichen Ausflüge, die Varda anregt, ihren Lauf. So erfüllt sich die Qualität, die die Filmemacherin der Poesie zuschreibt – das Eröffnen von Horizonten und Seelenlandschaften – in ihrem eigenen filmischen Schaffen.
Vielleicht, so möchte ich abschließend feststellen, könnte man in Bezug auf einige Filme von Agnès Varda von filmischer Poesie sprechen. Zumal die Filmemacherin selbst für ihre Gedanken zu den Bezügen von Film und Sprache beziehungsweise Film und Literatur bekannt geworden ist. Von ihr stammt der Terminus der „cinécriture“, der sich aus dem Französischen vielleicht als „Filmschrift“ übersetzen ließe. Varda möchte mit diesem Begriff darauf aufmerksam machen, dass ein „gut geschriebener Film“ nicht nur von gut geschriebenen Dialogen abhängig ist, sondern die „Feder“ eines Filmemachers von dem harmonischen Zusammenspiel all seiner Entscheidungen vom Drehbuch über die Produktion bis zum Schnitt geprägt ist. So wie die Handschrift im Fluss des Schreibens entsteht, so fließt auch der Film allmählich in seine Form. Varda hat vielfach bewiesen, dass diese Form, die sich aus einem Regelwerk unterschiedlichster Entscheidungen zusammensetzt, keine Einengung bedeutet, sondern viel eher den Rahmen für das Fenster konstituiert, das der Film selbst dann im besten Falle zu öffnen vermag – und wenn das erst einmal offen steht, „kann der Zuschauer Luft holen oder nicht“, wie sie sagt.
Filmquellen:
Agnès Varda: La pointe-courte, 86 min, 1954.
Agnès Varda: Cléo de 5 à 7, 90 min., 1961.
Agnès Varda: Les plages d'Agnès, 110 min., 2008.